Familiengeschichte

Wolfgang Anders


A N D E R S

Die Familiensaga aus Leipzig-Neustadt

Hedwigstraße 20 im Leipziger Osten.
Leipzig-Neustadt.

Der Schneidergeselle Emil Max Anders zieht mit seiner Frau Martha, einer geborenen Winkler, in die erste gemeinsame Wohnung.
Das war vor dem ersten der großen Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts.
Der Leipziger Osten, amtlich Leipzig-Neustadt, steht ganz im Zeichen der späten Gründerjahre und der Landflucht. Die aufstrebende Industrie, die wachsende, wuchernde Stadt braucht Arbeitskräfte – die Arbeitskräfte brauchen Kleider. So zieht es denn den kleinen Schneider aus der Rochlitzer Gegend nach seinen Wanderjahren in die bekannte und berühmte und prosperierende sächsische Metropole.
Leipzig. Die Messestadt , die Mutter der Mustermessen.
Der kleine Schneider war auf der Wanderschaft von Sachsen nach Thüringen gekommen. Dort hatte er Bekanntschaft mit dem Textilarbeiterverband und der deutschen Sozialdemokratie gemacht.
So schreibt er später in seinem Lebenslauf, den wir gerne im Anhang dokumentieren.

Im Leipziger Osten wohnten viele kleine Leute – Arbeitsleute, Tagelöhner, Fuhrleute, kleine Angestellte.
Ein Verwandter aus der Grimmaer Gegend war Otto Kupfer. Der wohnte im Rabet 58.
„Kupper-Otto“ besuchte ein halbes Jahrhundert später die verwitwete Martha Anders in der Leutzscher Hellerstraße 27.
Das Rabet, der ganze Leipziger Osten war mehr oder weniger verrufen.
Proleten, Gauner und Ganoven – lauter Leute, wo man zum Eintreiben der Miete einen Revolver mitbringen mußte.
So hieß es viel später noch, als doch schon alles allen gehörte – im Sozialismus eines anderen Leipzigers aus dem Leipziger Osten.
Eines gewisser Ulbricht , Walther.
Soll am Volkmarsdorfer Markt mit dem Bauchladen gestanden,…soll sich für die Leipziger Nutten interessiert haben…so erzählte in den Sechzigern der Volkmarsdorfer Böttchermeister Johannes aus der Elisabethstraße 17. Hat er selbst gesehen, sagt er. Oder aber sein Vater, ebenfalls Böttchermeister dadorten.

Im Jahre 1910 wird der kleine Schneider aus dem sächsischen Theesdorf bei Sachsendorf bei Rochlitz in Sachsen offiziell und feierlich per Handgelöbnis Bürger der Stadt Leipzig. Seine Frau Martha – nach erfolgter Hochzeit im Jahre 1912 – somit auch.

Zu Rochlitz in dem Wald,
wo unser Knüpfel schallt,
wo Nachtigallen singen,
des Meisters Geld tut klingen,
ist nichts als lauter Lust
in unserer Steinmetzbrust.
Wo kommen Kirchen her,
und Schlösser noch viel mehr?
Feste Brücken über Flüssen,
die wir erbauen müssen.
Zu Wasser und zu Land
ist unser Handwerksstand.
Ist nun ein Bau vorbei,
dann gibts eine Schmauserei.
Gut zu Essen, viel zu Trinken,
gebratne Wurst und Schinken,
viel Bier und auch viel Wein,
da ist gut Steinmetz sein.
Und ist der Schmaus vorbei,
dann gibts eine Keilerei.
Doch wir soll’n einander nicht schlagen,
wir müssen uns vertragen.
Wir gleichen einander aus,
so ist es Steinmetzbrauch.

ROCHLITZER ZUNFTLIED DER STEINMETZEN

Handgelöbnis

Am heutigen Tage ist dem Schneider
Herrn Emil Max Anders
geboren am 7. April 1881 zu Theesdorf,

nach Leistung des nachstehenden Handgelöbnisses
das Bürgerrecht hiesiger Stadt verliehen und
darüber gegenwärtiger

S c h e i n

erteilt worden.

Leipzig, am 12. August 1910.

Der Rat der Stadt Leipzig

Dr. Dittrich

Aktenzeichen A. 879.
Vordr. Nr.

H a n d g e l ö b n i s.

__________

Sie geloben, daß Sie die Ihnen als Bürger obliegenden
Pflichten treu erfüllen, der Obrigkeit gehorsam sein und der
Stadt Bestes nach Kräften fördern wollen.

Emil und Martha heirateten am 14. Juli 1912, in dem Auszug des Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig ist als Standesamt Schaddel angegeben. Gemeint hat man sicherlich die Gemeinde Großbothen oder die Amtshauptmannschaft Grimma.

Im Jahre 1913 wird der erste Sohn Heinz in Leipzig-Neustadt geboren.
In den Kriegsjahren 1914 und 1916 kommen noch zwei Söhne: Gerhard und Helmut.
Es folgte der Kohlrübenwinter – eine Liebesgabe der britischen Vettern.
Wie werden die fünf Andersens diese Zeit überstanden haben?
Die Familienüberlieferung meint, der Hunger im und nach dem ersten der Weltkriege sei am Schlimmsten gewesen…
Eine Postkarte aus dem Jahre 1920 bezieht sich noch auf die Hedwigstraße 20.

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FELSENKELLER

Familienroman aus dem Leipziger Westen – frei nach Tatsachen.

von

Wolfgang Anders

Leipzig 2014

Heimkehrer

Mein Vater kam etwa im Sommer `45 aus US-amerikanischer Gefangenschaft nach Hause.
Aber was heißt schon nach Hause.
Es war die Wohnung seiner Eltern in Leipzig-Leutzsch, Am langen Felde.

Hier war er aufgewachsen, nachdem die Eltern von Leipzig-Neustadt zunächst an den Lindenauer Markt, später aber in die städtischen Neubauten in Leutzsch gezogen waren.

Hier war er zur Schule gegangen. Die beiden älteren Brüder gingen in verschiedene Schulen im Leipziger Westen.

Heinz, der vielbegabte und erstgeborene, bekam eine Freistelle am Lindenauer Realgymnasieum Helmholtzschule in der Kanzlerstraße. Gerhard, der zweite, wurde in die Schule in der Lindenauer Gemeindeamtsstraße eingeschult, als sie am Lindenauer Markt wohnten.

Von Leutzsch aus marschierten Gerhard und Helmut als hoffnungsfrohe junge Burschen jeden Sonntag los, um sich mit ihren Freunden zu treffen und die große weite Welt zu erkunden.
So ´ne Art Leipziger Meute, die schon andere beschrieben haben.

Auf Helmuts Entlassungsschein der US-Army steht bei Familienstand „Verheiratet“.
Eigentlich müßte da stehen „Verwitwet“!

Wann wird Vater erfahren haben, daß seine Frau Erna im Krankenhaus zu Pardubice an Tuberkulose verstorben war?

Vielleicht haben es ihm erst seine Eltern zu Hause sagen können.
Das Telegramm liegt vor, aber wann er es bekommen hat – darüber hat in der Familie nie einer gesprochen.

Viel gesprochen hat die Familie über den Ältesten, Heinz oder auch Karlheinz.
Er gilt als vermißt seit 1944.
Es war bekannt, daß Heinz auf dem Weg vom Heimaturlaub zu seiner Einheit auf Sizilien vermißt wurde.
Die Geheime Staatspolizei war da und hatte alles erfragt.

Dann waren da noch die Bilder von Heinz, die Kriegsbilder von Originalschauplätzen – aber das ist eine andere Geschichte…

Der ehemalige Stabsgefreite Helmut kam also zu Hause an. Klapperdürr zwar, aber einigermaßen unverzagt, denn er hatte noch alle Knochen beieinander.

Die Eltern waren froh, wenigstens den Jüngsten Ihrer drei Söhne einigermaßen gesund und munter wieder daheim zu haben. Von hier aus war Helmut erst zum Arbeitsdienst, dann, im Jahre 1938, zur Wehrmacht eingezogen worden.

Vorher hatte Helmut Schneider gelernt, wie sein Vater. Beim Meister Gradlewski in der Weinbergstraße in Leutzsch.
Danach kurze Zeit gewandert. Arbeitszeugnisse liegen einige vor.

In dieser kleinen Wohnung haben die Brüder mit ihren Eltern gelebt und gelacht und gefeiert. Die Bilder zeigen es recht anschaulich.
Die Freuden des kleinen Mannes.
Die letzten Bilder zeigen Heinz, Gerhard und Helmut in stolzer Pose – alle drei in Wehrmachtsuniform.

Nun, nach dem Kriege galt Heinz als vermißt, Gerhard hatte sich familiär ins schöne Vogtland abgesetzt und Helmut war endlich wieder daheim.

Wie er den schweren Verlust seiner Frau verkraftet hat, wissen wir nicht.
Mit ihrer Schwester und deren Manne hatte unsere Familie bis in die 60er Jahre noch Kontakt. Sie wohnten in Meißen und besuchten uns hin und wieder.

Flüchtlinge

Etwa zur gleichen Zeit – im ersten Halbjahr 1945 – marschierte eine Familie, bestehend aus Mutter und fünf Kindern von Westpreußen in die Dübener Heide. Den Vater, sagten sie, haben die Polen erschlagen. Oder waren es die Russen?
Er war Dorfschmied bei Löwen in Westpreußen.
In einem kleinen Straßendorf bei Düben am Rande der Dübener Heide kamen sie erst mal unter, bevor sie weiterziehen mußten.
Da aber hatte sich die Älteste, die Waldine, schon mit dem klapperdürren Richard eingelassen, der gerademal aus dem Krieg als Obergefreiter heimgekehrt war.
Als jüngster Sohn des Landwirts Albert P. hatte er viel zu arbeiten, die kleine verlotterte Wirtschaft des Vaters hochzubringen und dazu brauchte er eine passende Frau.
Noch aber war es nicht soweit.
Die vertriebene Familie mußte hier in Preußen, besser die preußische Provinz Sachsen im Regierungsbezirk Merseburg, erstmal weiterziehen. Ins Lager nach Gommern bei Magdeburg.

Daheim

Helmut begann in der Not der Nachkriegsjahre aus alten Uniformen Schimützen zu nähen. Sein Vater schneiderte Uniformen, Ausgangsuniformen für die sowjetische Besatzungsmacht.
Aus dieser Zeit ist sein Ausspruch überliefert: „Die Russen haben alle so fette Ärsche!“

Unsere Landsleute hatten keine fetten Ärsche.
Der Hunger der Nachkriegszeit war beträchtlich – ein kranker Großonkel mütterlicherseits überlebte den Hunger nicht. Ihm fehlten ein paar Gramm Fett in der täglichen Lebensmittelration zum überleben. Er wohnte im reichen Waldstraßenviertel am Liviaplatz. Nicht als Reicher, sondern wie alle unserer Familie als ganz kleiner Mann, als Hauswart in einer Souterrainwohnung, mit Tante Hedwig.

Dennoch hieß es in der Familie, daß der Hunger nach dem ersten der Weltkriege schlimmer gewesen sein soll.
Die Großeltern beiderseits hatten den Ersten ja erlebt.
Nachbar Fritz war schon damals Soldat und nun wieder. Dieses Mal als Wachsoldat in einem Stalag irgendwo in der weiteren Umgebung.
Er ist dann einfach zu Hause geblieben…

Die Familie von Fritz, einem Maschinenschlosser bei Brehmer in der Karl-Heine-Straße in Plagwitz, hatte auch drei Töchter.
Und die zweite der Schönen, die Traudel, nahm sich Helmut kurzerhand zur Frau.
Das war im Jahre 1946.
Die standesamtliche Trauung fand im Rathaus zu Plagwitz statt. Leutzsch und Lindenau hatten zu dieser Zeit kein Standesamt oder kein Rathaus.

Die Nachkriegswinter sollen sehr streng gewesen sein. Ganz nach dem Motto: Keiner soll hungern, ohne zu frieren!
Aber dieser Spruch war ja wohl ein paar Jahre früher aktuell.

Die beiden Jungvermählten bemühten sich um eine Wohnung und fanden zwei Zimmer in einer Villa in Leutzsch.
Nicht schlecht, möchte man meinen, aber…

Es waren zwei kalte Zimmer in dieser Zeit und Vermieter waren gewisse K.`s.
Maria oder Sonja K.
Nicht ganz unbekannt in gewissen Kreisen…
Offenkundig waren sie irgendwann mal verfolgt worden oder so.
Das soll es ja gegeben haben – offenkundig.

Und als Verfolgte hat man ihnen wohl diese Villa zur Verfügung gestellt. Gewissermaßen als vorweggenommene Entschädigung.

Sie haben auch Miete kassiert, obwohl ihnen die Villa gar nicht gehörte.

Seine persönliche Situation reflektierte Helmut in seinem Tagebuch wie folgt:

Pfingsten 1947

Mit heißer Liebe und glühenden Gedanken ist das lang ersehnte Frühlingsfest wie ein Traum angebrochen.
Ich frage mich, warum bin ich heute so glücklich. Die Zeit ist doch so schwer.
Deutschland und die Welt ist durch die vergangenen 12 Jahre so arm geworden.
2 Jahre sind verronnen und die Not der Menschen ist unerträglich.Gerade das ist es, daß man trotz der Not glücklich ist. Traudel, mein liebes Traudchen gibt mir die Kraft zum Leben. Oh, was bin ich ein beneidenswerter Mensch, so ein Glück zu besitzen. Unbesorgt nach all den schweren arbeitsreichen…, kann man heute seinen Gedanken nachgehen. Mal all die Sorgen abseits zu lassen.

Im Sommer 1947 kam stolzer Nachwuchs an.
Im Sommer war es ja auch ganz schön, wie die Bilder zeigen, aber nicht ganz grundlos zogen die jungen und glücklichen Eltern ein paar Häuser weiter im schönen Leutzsch.

Vater und Mutter traten schon 1945/46 in die KPD respective SED ein.
Möglicherweise haben sie dort die oben genannten K.`s kennengelernt.

Parteischule Breitenfeld

Vom 26. Juni bis zum 9. Juli nahm Helmut an einer Parteischule in Breitenfeld teil.
Das Jahr ist nicht ganz sicher. Ich tippe aber auf das Jahr 1946.

Acht Themen wurden in der Schule behandelt.
1. Einführung in den Marxismus
2. Das Wesen der SED
3. Die SED und die Verbündeten der Arbeiterklasse
4. Unser Kampf gegen das Monopolkapital
5. Der Kampf gegen die Nazi-Ideologie
6. Unser Kampf um die Demokratie
7. Der Sozialismus
8. Deutschland und die internationale Lage.

Vom 26. bis zum 28. Juni wurde das Thema Einführung in den Marxismus vom Genossen Erhard Schreiber behandelt.

Im Jahre 1948 ging Vater zur Sächsischen Polizei, die damals vielleicht auch schon Volkspolizei hieß. Er kam zum Betriebsschutz nach Böhlen und tagelang nicht nach Hause.
Er war unbescholten und gutmütig und immer einsatzbereit und man brauchte solche Leute. Auch wenn sie nach dem Scheißkrieg gesagt hatten: Nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen!

Beim Betriebsschutz in Böhlen hatten sie eine blaue Polizeiuniform an.
Obwohl Helmut, der Papa, viel Schichtdienst hatte und einen weiten Arbeitsweg, können wir uns noch sehr gut an die dunkelblaue Uniform erinnern. Papa holte seinen Sohnemann, wenn er schon mal nach Hause kam, auch gleich so ab. Sohnemann spielte im Kindergarten Schützstraße 2 in Leutzsch.
Gleich vorn in dem kleinen Wäldchen.

Wir wohnten im Nachbarhaus Schützstraße 4.
Bei Familie Kr. unter dem Dach.
Das war wohl unsere schönste Wohnung.

Weltfestspiele Berlin 195…

(Urkunde)

Der 17. Juni 1953

Ich war sechs Jahre alt und immer gut behütet aufgewachsen. Endweder bei Oma zur Linken oder bei Oma zur Rechten. Also entweder beim kleinen Opa oder beim großen Opa. Beim großen Opa, das war der Fritze, lebten noch die zwei übriggebliebenen Töchter Ilse und Erika.
Ilse hat mich stets behütet und versorgt, war aber auch etwas konsequenter und strenger mit mir, wenn es darum ging, mir ein altes Pflaster vom Knie zu reißen.
Autsch!
Eines Tages, es war um eben diesen 17. Juni herum, ging Tante Ilse mit mir in Richtung Leutzscher Rathaus – einkaufen oder was erledigen – in Höhe der Apotheke oder der Buchhandlung. Gegenüber standen am Eisenzaun der Leutzscher Schule mehrere Leute und schrien durcheinander. Am Zaun hatte sich einer hochgezogen und redete erregt auf die Leute ein.
Ich griff ängstlich nach der Hand meiner Tante.
Die aber beruhigte mich: „Keiner Angst, die tun uns nichts!“

Auf den Bordsteinen der Georg-Schwarz-Straße, Höhe Landwaisenhausstraße, glaubte ich noch Jahre danach Panzerkettenspuren entdeckt zu haben.

Ilse war stets eine resolute und reelle Frau, eine einfache Arbeitertochter aus dem Leipziger Westen. Sie war aufrecht, energisch und gradlinig. Häßlich war sie auch nicht. Schade, daß sie keinen Mann gefunden hatte. Ein Nachkriegsschicksal von vielen.
Ilse hatte bis zum Ende des Krieges in der Firma Ballin gearbeitet. Das war eine kleine Druckerei in der heutigen Georg-Schwarz-Straße. Noch Jahrzehnte danach verfügte sie über kleine bedruckte Papierreste, bunte Karten, Fehldrucke und anderes, womit sie Geschenke, Bücher und Blumensträuße schmückte.
Später arbeitet sie jahrzehntelang als Kernmacherin in der Megu.

Um den 17. Juni herum habe ich meine Eltern kaum gesehen, den Vater überhaupt nicht.
Ich sollte, wenn ich schon mal abends allein war – was sehr selten vorkam – keine Tür öffnen. Die Eltern waren schon mal zu einer Parteiversammlung, oder zum „Baddeileihjahr“ oder sowas!?

Darunter konnte ich mir nichts rechtes vorstellen.

Inzwischen bin ich in die Schule gekommen. Das war im Jahre 1954. Ja, erst mit sieben Jahren, weil ich im Juni geboren worden bin.
Und nicht , weil ich vielleicht mit sechs Jahren zu blöd war für die Schule.
Obwohl…man weiß es nicht.

Die Familie

Die Großeltern Emil Max und Martha, der Maßschneider und seine Frau wohnten Am Langen Felde in Leutzsch mit ihren drei Söhnen. Nebenan wohnte der Maschinenschlosser Fritz Arthur mit seiner Frau Charlotte und insgesamt fünf Kindern.

Leipzig-Neustadt

Die erste Leipziger Adresse war die Hedwigstraße 20. Nach der Geburt der drei strammen kleinen Sachsen wurde die Wohnung für die Familie des Maßschneiders zu klein.
Man suchte etwas größeres und fand eine einigermaßen passende Wohnung im entgegengesetzten Stadtteil – in Lindenau, im Leipziger Westen.
Wieder ganz oben, im dritten Stock neben der Familie Eilenberger richtete sich die Familie Anders ein. Ein schönes Gründerzeithaus – der Lindenauer Markt 13.
Es waren die „goldenen Zwanziger“ Jahre.
Zwischen 1924 und 1928 kam es im Deutschen Reiche zu einer gewissen Konsolidierung. Preußen, aber auch das ebenso günstig gelegene Sachsen entwickelten sich wirtschaftlich. Es kam zur Gründung zahlreicher Unternehmen, sowie zu einer verstärkten Bautätigkeit.
Eine Rolle spielten dabei die Verhandlungen des Reiches mit den Siegermächten des 1. Weltkrieges, denen Dr. Hjalmar Schacht wohl begreiflich machen konnter, daß ein Ausbluten des Deutschen Reiches ihnen keinen Nutzen bringt.
Innenpolitisch jedoch ging es turbulent weiter. Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert ließ als Reichspräsident sogenannte Reichsexekutionen durchführen, um die Länder zu disziplinieren. So kam es beispielsweise in Sachsen zu Mord und Totschlag durch die Reichswehr, die im Auftrage des Reichspräsidenten handelte.
Diese verheerende Innenpolitik wird auch zur Radikalisierung der gesellschaftlichen Kräfte beigetragen haben.
Sehr zum Leidwesen unserer Ahnen.
Der kleine Maßschneider Emil Max Anders konnte seine größer gewordene Familie wohl über Wasser halten. In eben dieser Zeit hielt er als alter Sozialdemokrat und treuer Gewerkschafter eine Anerkennungsurkunde seines Bekleidungsarbeiterverbandes in seinen Händen.
Für 25jährige treue Mitgliedschaft. Ein Schmuckstück.

(Abbildung)

Am Lindenauer Markt wurde fleißig gebaut.
Gegenüber vom Markt 13 baute die Familie Gnauk im Jahre 1928 ihr Wohnhaus. Ein stattlicher Bau mit Art deco – Elementen.

Treffpunkt Felsenkeller

Die Brüder Heinz, Helmut und Gerhard wohnten zunächst am Lindenauer Markt 13 (Janz oben – neben der Familie Ehrenberger), später dann in den städtischen Neubauten Am langen Felde in Leutzsch.
Postalisch Leipzig W 35.

Heinz, der Älteste bekam eine Freistelle im Realgymnasium Helmholtzschule.
Mehrere Zeichnungen aus dem Unterricht liegen noch vor.

Helmut und Gerhard besuchten die Schule in der Gemeindeamtsstraße.
Später lernte Gerhard Buchbinder und Helmut Schneider wie sein Vater.

Am Wochenende – zu dieser Zeit war das eigentlich nur der Sonntag, am Sonnabend wurde ja gearbeitet – marschierten Helmut und Gerhard früh beizeiten los. Mit einer bescheidenen Marschverpflegung und einem Fotoapparat.
War es der selbstgebastelte Apparat, eine Art Black Box? Hier wurden kleine Platten eingeschoben.
Oder eine schon bessere „Black Box“ für Rollfilme?

Ich weiß es nicht und die Fotoapparate gibt es auch nicht mehr.

Die jungen Burschen trafen sich des öfteren mit Gleichgesinnten am Felsenkeller. Ein paar Minuten zu Fuß für alle Beteiligten aus aller Herren Richtungen…
Oft fuhren sie mit dem Fahrrad, sehr oft aber auch mit Straßenbahn und bzw. oder mit der Eisenbahn.
Wenn es regnete änderte sich schon mal der Plan und die Wanderroute.

Hier einige Auszüge aus den Fahrten- und Wanderbüchern von Gerhard und Helmut Anders.

Der Bund der Sieben
oder
Die böse Sieben
oder auch
Die Fidele Sieben

Eine frühe Leipziger Meute.
Leider konnte der Leipziger Sascha Lange diese Gruppe nicht als „Leipziger Meute“ identifizieren.
Aber es war ja wohl doch eine solche.
Wenn es also frei nach Lange keine Leipziger Meute war, dann erheben wir sie also in den Stand einer Meute aus dem Leipziger Westen.
Mit Sitz in Schönau.
In dem Wohnhaus neben der Schönauer Kirche. Dort, wo wohl einmal der Kantor wohnte. Oder so.

Hier ein Lied mit Lokalkolorit – wenn das nichts ist, Herr Lange!

Einige Bilder folgen.

Nachkrieg

Helmuts Tagebuchaufzeichnungen

4.12. Delegiertenkonferenz

Waren das Aufzeichnungen vom Vereinigungsparteitag im Felsenkeller?
Wir wissen es noch nicht.
…..
2. Wahl
3. Rechenschaft
4. Diskussion
5. Schlußwort
6. Bericht der Kommission
7. Abstimmung der Resolution
8. Wahl des Vorstandes
9. Vorstellung

Emils Lebenslauf und Emils Credo

Das Leben der kleinen Leute schien sich von Tag zu Tag mehr zu normalisieren. Ständig kehrte einer Heim, mit oder ohne alle Gliedmaßen und mehr oder weniger gesund am Kopfe, mehr aber kehrten Vermisstenanzeigen und Todesnachrichten heim. Das Ausmaß des Krieges wurde erst nach und nach sichtbar. Man war eben nur Vize-Weltmeister in diesem Weltkriege geworden.
Der Mangel an allem, was zum Leben benötigt wird, wurde größer und größer.

Helmut half seinem Vater, so gut er eben konnte. Er spezialisierte sich auf Schimützen aus alten Uniformen. Anzüge bauen war gegenwärtig nicht gefragt. Das konnte sich keiner leisten und wurde wohl auch nicht gebraucht. Auf den Friedhof konnte man in diesen Zeiten auch in Arbeitssachen oder in der letzten Wehrmachtsuniform, mit der man heimgekehrte, gehen. Wenn die Familie eines Landsers ausgebombt war, dann war eben nichts mehr da, um den Großvater würdevoll zu beerdigen. Und Hochzeitsgesellschaften waren froh, wenn sie überhaupt was zu essen hatten.
Auch hätte Helmut kaum noch einen Anzug bauen können. Nach sieben Jahren Wehrmacht in einer Pioniereinheit und als kraftfahrender Kammerbulle fehlte ihm einfach die Übung.
Vater Emil nähte und steppte nach der fliegenden Übergabe Leipzigs von den US-Amerikanern an die Rote Armee für deren Offiziere und staunte immer wieder über den Stoffbedarf für deren Hosen für die Ausgangsuniform.
„Die Russen haben so fette Ärsche!“ soll er immer gesagt haben.

Emil saß im Wohnzimmer am Balkon auf seinem Schneidertisch. Da hatte er das beste Licht. Dabei trug er die Kopfhörer eines selbstgebauten Dedektors und hörte Rundfunk. Den Mitteldeutschen. Sein Schneidersitz war seine traditionelle Arbeitshaltung und wohl sogar körperlich günstig. Martha nähte an der mechanischen Nähmaschine die langen Nähte und Helmut schnitt auf dem Wohnzimmertisch die Mützen aus den alten Uniformen. Eine Schimütze bekam der Maschinenschlosser Fritz Böhme von nebenan. Er ging wieder zur Arbeit – wie früher bei Brehmer`s in Plagwitz.

Emil sprach zu Helmut: „Junge, sieh zu, daß Du was Besseres findest. Zu bist noch nicht zu alt mit Deinen Dreißig. Die haben schon wieder angeklopft wegen Partei und so. Bei mir nicht mehr. Ich bin alt und krank. Der Lungenschuß aus dem Weltkriege macht mir zu schaffen.“ Er sprach vom Weltkriege und meinte den Ersten der später durchnummerierten Kriege. Mit Weltkrieg war umgangssprachlich der Erste gemeint.

Und so schrieb er für seine nun wieder zugelassene Sozialdemokratie, die sich mit der Kommunistischen vereinigen wollte oder sollte seinen Lebenslauf in aller Kürze auf und verschwand mit der Schläue des kleinen Mannes und aller Ehren wert durch das Hintertürchen.

Eines Abends setzte sich Emil Max Anders an seinen Tisch in der guten Stube und schrieb seinen Lebenslauf.

Emil Anders
Mein Lebenslauf

…..

Am Langen Felde in Leutzsch

Es klopfte. Das konnte nur die Nachbarin sein, alle anderen klingelten.
Tatsächlich stand die Hausfrau und fünfache Mutter der Nachbarfamilie, Charlotte Böhme vor der Tür und fragte: „Frau Anders, schönen Gruß von meinem Fritze, vielen Dank für die Mütze und er läßt fragen, ob Sie nicht ein Kaninchen zum Wochenende haben wollen? Ihr Helmut braucht doch was auf die Rippen…“
„Aber Frau Böhme, Sie brauchens´doch selber…“
„Ach was, wir haben gerade welche zum Schlachten…und wenn Sie mal wieder aufs Dorf fahren sollten…“

Helmut war schon mit den Nachbarjungen Rolf und dem Jüngsten Hans mit dem Handwagen im Leutzscher Holz gewesen. Sie hatten Futter und Brennholz gesammelt, besser gesagt zusammengeklaubt und unter alten Säcken versteckt.

Tatsächlich wollte Helmut in Erinnerung an alte Zeiten mit seinem Fahrrad wieder einmal seine Großeltern in Schaddel bei Großbothen und in Theesdorf hinter Rochlitz besuchen. Seine Papiere waren in Ordnung. Er hatte sich ordnungsgemäß von der Kriegsgefangenschaft bei der Polizei in Leipzig zurückgemeldet – Siehe Stempel! Ordnung muß sein. Besonders nach einem verlorenen Kriege. Die Besatzungsmacht war nunmehr die Rote Armee und die waren auch nicht gerade zimperlich, wenn sie unterwegs einen wehrfähigen oder gedienten Mann aufgriffen. Es soll schon mancher – ob männlich oder weiblich – auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein.
Sein Fahrrad stand noch im Keller. Obwohl es keine Ersatzteile gab oder aber auf dem Schwarzmarkt ein Vermögen kosteten, konnte er es fahrbereit machen und eines Tages, einem Sonntag, früh beizeiten alleine starten in Richtung Grimma.
Die Eisenbahn wäre ohnehin überfüllt gewesen und Bewegung tat ihm auch gut.

Er war wieder einigermaßen bei Kräften und die seelischen Schmerzen und Wunden ließen allmählich nach. Den anderen im Lande und in der Nachbarschaft ging es nicht besser. Jeden Tag hörte man neue Schauergeschichten. Ein Kamerad von Heinz, dem Ältesten, war da. Er berichtete, Heinz gehe es soweit ganz gut. Viel mehr wisse er aber auch nicht. Er wolle sich gerne umhören und wiederkommen. Er wurde natürlich von den Eltern Emil und Martha Anders bewirtet so gut es eben ging. Dieser Kamerad hat sich nie wieder sehen lassen.

Auch die Familie Wollmann aus Dresden, die Eltern von Heinz` Freundin Elisabeth, waren da und übernachteten bei den Eltern.
Aber auch von denen gab es nichts Neues.

Bruder Gerhard, der Mittlere, schien sich mit seiner Margot bei deren Eltern in der Zillestraße im schönen Auerbach im noch schöneren Vogtland einzurichten.

Helmut seufzte tief und das nicht nur wegen der ungewohnten Anstrengungen zu Rade.
Er fuhr durch das Leutzscher Holz. Es war Spätsommer `45 und die Sonne stand noch tief und es wurde warm. Hier kannte er sich aus. Er mied die Straßen, überquerte sie rasch und nach allen Seiten sichernd. Einem alten entlassenen Stabsgefreiten der Deutschen Wehrmacht durfte kein Fehler unterlaufen. Hatte er den Krieg in rund siebenjähriger Dienstzeit mit wenigen körperlichen Blessuren überstanden – Verwundetenabzeichen inclusive – so wollte er schon noch etwas vom Leben haben.
Das seine Frau so elendiglich an Tuberkulose gestorben war, hatte er noch nicht verkraftet. Vor allem drückte ihm die Ungewißheit aufs Herz: War sie nun schwanger oder nicht?
Ihre Schwester hatte es angedeutet, aber man hatte den Kontakt verloren. Sie hatte sich zuletzt aus der Gegend um Dresden gemeldet.

Helmut durchquerte das Rosenthal. Hin und wieder sah er zwielichtige Gestalten, die wohl im Wald die Nacht verbracht hatten oder schon auf Nahrungssuche waren, Futter oder Brennholz sammelten.

Den Hauptbahnhof umfuhr er nördlich, um den Mariannenpark in Schönefeld zu nutzen, dann Abtnaundorf, dann mußte er aber wieder mehr nach Südosten.
Hin und wieder sah er Sowjetische Militärposten, Regulierer. Die standen mit Fähnchen auf den Kreuzungen, um ihre Militärfahrzeuge einzuweisen. Natürlich bewaffnet. Der Krieg war noch nicht lange zu Ende. Ein paar Meter weiter stets ein Lagerfeuer oder eine Gulaschkanone und ruhende, aber auch sichernde Soldaten. Gelegentlich wurden auch die Zivilisten kontrolliert. Zum Beispiel auf Zigaretten, die sie sodann gleich loswurden.

Helmut strampelte unbehelligt immer weiter, obwohl es ihm schon schwerfiel. Irgendwo bei Mölkau machte er Rast und verspeiste ein Stück Brot und ein winziges Stück trockenen Kuchen, was die Mutter für ihren Jüngsten aufgespart hatte. Ein wenig Fallobst hatte er schon gefunden, obwohl die Straßen- bäume stets geplündert wurden.

So strampelte er weiter, um über Staupitz nach Naunhof zu gelangen. Hier sollte er nach alten Bekannten seiner Eltern fragen, aber keiner konnte oder wollte ihm weiterhelfen.

„Wenn ich schon in Naunhof bin,“ sagte er laut zu sich, dann bin ich auch in ein bis zwei Stunden in Grimma, vielleicht auch schon in Schaddel bei den Großeltern.

Es war nun schon vormittag, die Sonne brannte und er mied die Landstraße, wo er nur konnte. Immer wieder sah er von weitem lange Militärkolonnen in beide Richtungen. Aber auch Vertriebene, Flüchtlinge, Heimkehrer und, und, und…
Sowohl das Leipzig als Reichs- und Messestadt, als auch das historische Grimma waren alte Garnisonsstädte. Die Kasernen boten der Besatzungsmacht willkommene Unterkünfte für ihre Soldatenmassen.

Helmut konnte über Hohnstädt, die Grundmühle an der Mulde entlang Grimma passieren. Auch in Grimma lebten Verwandte. Die Familie Kummer in einem Siedlungshaus wo es nach Beiersdorf ging. Und in Beiersdorf wohnte ja bekanntlich der Gott von Beiersdorf – eine nicht ernstzunehmende Redewendung seines Onkels Kurt Stognief, der jüngste Bruder seiner Mutter.

Da er aber lieber Mittag in Schaddel sein wollte, verschob er den Besuch auf die Rückfahrt nach Leipzig.

Über Kloster Nimbschen, unten an der Mulde, gegenüber Höfgen, an der Fähre vorbei, um auch den Berg, den Espig, zu vermeiden, kam er endlich an der Schaddelmühle an. Beschwerlich war es, da der Bahndamm kein guter Radweg war.

An der Schaddelmühle vorbei, er hörte Arbeitsgeräusche, im Stall klapperte es, und die lauten Stimmen der Bewohner, die Familie Pöge, erinnerten ihn wehmütig an alte Zeiten.

Mit letzter Kraft schob er seinen treuen Drahtesel den schmalen Pfad zur Kate seiner Großeltern.
Und da saßen sie in der Mittagssonne vor ihrer Kate, an der Giebelseite halb im Schatten, und aßen ihr bescheidenes Mittagsbrot.
Oma Ernestine und Opa Karl Stognief.

Sie hatten ihn erwartet, denn die Deutsche Reichspost funktionierte noch oder auch schon wieder und eine Postkarte war vorgestern, wie sie sagten, von Hönigs, die die Post machten, gebracht worden.

Helmut war am Ende seiner Kräfte, die vertraute Umgebung, die Stimmen, Geräusche (oben bei Haferkorns wurde laut mit dem Vieh geschimpft, oder mit der Schwiegertochter?), Gerüche…
Und er halbverhungert, sieben Jahre seines Lebens sinnlos vertan, die geliebte Frau und vielleicht sein Kind verloren, saß hier endlich bei den lieben Großeltern und konnte kaum etwas sagen. Er saß vor dem Teller, den ihm die Großmutter hingestellt hatte. Heiße, gelbe Kartoffeln, ein Klecks Quark, eine Gurke und ein kleines Stück Speck – ein Festmahl.
Er brauchte mehrere Minuten, um zu sich zu kommen. Die Landleute hatten Geduld und Verständnis.
Ihre vier Kinder waren alle einigermaßen durch den Krieg gekommen. Ihre Älteste Martha lebte in der Stadt Leipzig, ihr Jüngster Kurt als angestellter Elektromeister, ebenfalls in Leipzig verheiratet.
Kurt hatte Schaden gelitten. Er und seine Frau Käthe wurden im Leipziger Süden ausgebombt und fanden eine Unterkunft in der Roßstraße in Untermiete.
Robert war schon gestorben und Karl, der gelernte Müller hatte in Thüringen sein Glück bei einer Müllerswitwe mit zwei Töchtern gefunden.

Langsam aß Helmut sein Mahl und allmählich kam auch der Appetit wieder. Nach und nach erzählte er den Großeltern den Stand der Dinge, alles was er wußte aus dem Familienleben.

„Ruh` Dich aus, Junge!“ sprach der Großvater ruhig und bestimmt. „Du kannst auch morgen zurückfahren oder die Woche über hierbleiben. Du kannst uns hier helfen. Arbeit gibt es überall und in Hülle und Fülle.“
Großmutter Ernestine nickte.
In der Stadt hatten sie sowieso nichts zu essen und gebrauchen könnten sie ihn hier tatsächlich.
Und so kam es auch. Martha hatte das in ihrem Brief geschickt genug angedeutet, daß sie nichts dagegen hätten, wenn ihr Jüngster ein paar Tage bleiben könne.

Helmut half wie früher seinen Großeltern in Haus, Hof und Garten, sowie dem Bauern Haferkorn bei der Ernte. Nebenbei nähte und stopfte er die Arbeitskleider der Großeltern und einiger Bauern.
Brot, Kartoffeln, Milch und Eier, sowie Obst und Gemüse, nährten ihren Mann und Helmut kam nach und nach wieder auf die Beine.

Eines schönen Tages wanderte er ein paar Stunden durch den Wald, zum Espig hinauf, zur Fähre nach Höfgen hinunter. Dabei berührte er auf seiner kurzen Wanderung die berühmten Sorbenwälle im Schaddeler Wald. Diese Sorbenwälle waren sogar im Naturkunde-Museum zu Leipzig verewigt. Er erfreute sich an der sommerlichen Natur und den bekannten Wegen und Stegen. Hier hatte er vor knapp 12,13 Jahren mit Bruder Gerhard und Freund Wolfgang getobt und gespielt und im Gras gelegen, um nur den Wolken zu folgen…

Zwischendurch fuhr er mit dem Fahrrad nach Großbothen und gab einen Brief an seine Eltern und einen an seinen Onkel Paul Anders in Theesdorf auf.
Er schlief wie früher auf dem Boden im Heu. Auf dem ersten Boden, wo auf der vorderen Treppe die alte Armbrust hing.
Auch beruhigten sich seine Nerven und seine Gemütsverfassung besserte sich.
Er war nun mal nicht von kräftigster Konstitution. Er war im Kohlrübenwinter 1916/17 groß geworden. Dank der äußerst humanitären Kontinentalsperre der Briten im Ersten Weltkrieg hatte das deutsche Volk schon damals zu hungern gelernt und konnte das dank der alliierten Kriegsverbrecher im und nach dem zweiten Kriege gleich noch mal üben.
Keiner sollte hungern ohne zu frieren.
Diese bitterböse zynische Losung war während des Krieges gelegentlich zu hören und war als Vorwurf an die Adresse der deutschen Nationalsozialisten gerichtet.
Ob die allein daran schuld waren?

Eine Weiterfahrt in das Geburtshaus seines Vaters, zu Onkel Paul Anders in Theesdorf bei Sachsendorf hinter Rochlitz wäre über seine Kräfte gegangen. So kehrte er nach einigen Tagen einigermaßen erholt mit seinem Fahrrad nach Leipzig zurück. Im Gepäck hatte ein paar Kartoffeln, etwas Obst und Gemüse und die Zusage der Bauernfamilie Haferkorn gegenüber, vor Weihnachten eine Gans holen zu können.

Wenn das nichts ist.

Wie konnte es geschehen?

Die Zeit ging weiter, das politische Leben entwickelte sich wieder im Rahmen der engen Grenzen, die die sowjetische Besatzungsmacht vorgab.
Helmut nahm es kaum war. Nie wieder Krieg, nie wieder ein Gewehr in die Hand nehmen und nie wieder eine Uniform anziehen.
Nur arbeiten und Leben und eine kleine Familie. Das hat Helmut später immer wieder gesagt. Das haben viele in dieser schweren, von Hunger und Krankheit geprägten Zeit, gesagt.
Emil verfolgte die aktuelle Politik schon eher. Es war seine zweite Nachkriegszeit. Nach dem „Weltkriege“ war der Hunger mindestens genau so groß. Die britische Kontinentalsperre sorgte dafür. Die sozialen Sicherungssysteme der Bismarckzeit konnten nicht mehr wirken. Das wirtschaftlich so erfolgreiche Kaiserreich existierte nicht mehr. Der Versailler Vertrag – ein Unrecht in historischer Dimension – tat sein Übriges.
Die Sozialdemokraten unter dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert hatten mehr mit sich und den politischen Gegnern zu tun

Emil Anders fühlte sich, kaum das er mit einem Lungenschuß aus dem Weltkriege heimgekehrt war, als Sozialdemokrat und Gewerkschafter. Die politischen Grabenkämpfe seiner Partei konnte er nicht verstehen. Zu dieser Zeit begann er die Politik insgesamt kritischer zu betrachten. Allein auf seinem Schneidertische, mit dem Dedektor auf dem Kopfe hörte er die ersten Sendungen des Mitteldeutschen Rundfunks.
Besonders bei klassischer Musik, Richard Wagner war sein Favorit, flog die Nadel wie von selbst durch den Stoff auf seinen Knien.
Mit Tageslicht vom Balkon konnte er gut und lange arbeiten, ohne zu ermüden. Diszipliniert legte er die Arbeit aus der Hand, wenn Marha zum Essen rief. Der Feierabend wurde eingehalten. Sonntags gegen 14.00 Uhr ging man spazieren. Bis zuletzt. Die Fotos zeigen es.

Nun war nach dem Zweiten Weltkrieg aber eine völlig neue Situation eingetreten. Man war – im Gegensatz zum Ersten der Weltkriege – militärisch besetzt.
Dazu kam der moralische Druck, der bis heute auf uns alle ausgeübt wird.
Man hatte sich schuldig zu fühlen. Für alles und jedes.
Hatten sich noch fast alle deutschen Politiker nach 1919 gegen den Versailler Schandvertrag ausgesprochen, begannen jetzt alle dem „Führer“, aber auch den anderen „Kriegsverbrechern“ jede Schuld in die Schuhe schieben zu wollen.
Und natürlich – irgendwo blieb auch eine moralische Schuld, eine Kollektivschuld beim deutschen Volke hängen. Für immer.

Emil beobachtete das sehr feinfühlig. Nun sollten sich seine Sozialdemokratie, an der er nach wie vor sehr hing, mit den wenig beliebten Kommunisten vereinigen. Sozialdemokraten gab es noch reichlich – Kommunisten dagegen kaum.
Richtige Kommunisten, organisierte Parteimitglieder, waren tot, gefallen oder in den Konzentrationslagern umgekommen, in Kriegsgefangenschaft oder sonstwo.
Andere wiederum waren an der Front gefallen. Als Wehrmachtssoldaten. Auch im Strafbataillon 999.
In den Konzentrationslagern waren auch Emils Sozis umgekommen, aber offenbar mehr durch Alliierte Bombenangriffe, denn durch mörderische Nazis.
Der linke SPD-Führer Rudolf Breitscheid lebte mit seiner Frau in Schutzhaft der Nazis im Konzentrationslager Buchenwald. Seine Frau weilte freiwillig bei ihm. Durch einen solchen Luftangriff der Angloamerikaner starben beide.
Emil stellte sich immer wieder die Frage, warum die Alliierten fraglos sehenden Auges die Regimegegner der Nazis, ihrer Feinde, massenweise umbrachten.

Die ehemaligen Regimegegner fehlten jetzt beim Wiederaufbau.

Was kam waren wenige.
Dazu die unvermeidlichen Opportunisten. Die, die es schon vorher gewußt hatten, die sich im Widerstand fast verzehrten, die Opfer.
Bald gründeten sich die „Opfer des Faschismus“, die „Verfolgten des Naziregimes“.
Als Opfer stellte sich schon 1945 auch der Gutsbesitzer Dr.Dr.Günter Gereke dar.
Er war allerdings unter Hitler Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung.

Natürlich befürchtete er eine Enteignung seines Gutes am Rande der Dübener Heide.
Adolf Hitler soll ihn auch noch als seinen ärgsten Feind bezeichnet haben. Tatsächlich wanderte Gereke mit einem Parteispendenprozeß im Jahre 1934 ins Gefängnis.
Offensichtlich reichte sein Opferstatus aber nicht für eine weitere politische Karriere in der Sowjetischen Besatzungszone.
Er ging etwa 1946 in den Westen, um dort seine zweite Karriere zu starten. Das er später unter Walter Ulbricht noch einmal Politik machen wollte ist eine andere Geschichte und soll wo anders erzählt werden.

Emil las auch die bei aller Papierknappheit erscheinenden Flugblätter, Zeitungen und Aufrufe. Allesamt waren sie von der Sowjetischen Militäradministration genehmigt. Und so konnte er auch Anfang 1946 die „Einheit“ lesen, die „Deutsche Volkszeitung“ und die wenigen Blätter, die nach und nach herauskamen.

Wenn er mit Helmut beim Abendbrot saß, sprach er einige Themen an.
„Hast Du gewußt, daß unser Max Fechner sich für eine einheitliche, gemeinsame Arbeiterpartei ausgesprochen hat?“
„Nee!“ meinte Helmut, der sich noch nicht so richtig mit Politik anfreunden wollte. Natürlich hatte sich Helmut in seiner Jugend politisch interessiert und in seiner Lindenau-Leutzscher Meute auch engagiert. Aber das war lange her.

„Da wollten die Kommunisten nicht – aus ideologischen Gründen!
Du kannst hier mal dieses Buch lesen: Wie konnte es geschehen? Von Max Fechner.“

Und Helmut las die eigenwillige Variante des Max Fechner und seine Sicht auf nationalsozialistische Politik in Form eines fiktiven Tagebuches von Goebbels.

Und ein paar Tage später, kurz vor dem Vereinigungsparteitag von SPD und KPD, noch einen Beitrag Max Fechners in der „Einheit“.

Wenn Helmut später an diese Zeit zurückdachte, fiel ihm auf, daß zu eben dieser Zeit von Verbrechen der Wehrmacht noch kaum die Rede war.
Seltsam, dachte Helmut, sollten die erst noch erfunden werden?

Vater Emil hatte ihn daraufhin mal angesprochen:
„Sag mal, Junge, weißt Du was von diesen Sachen, was jetzt immer öfters zu hören ist?“
Helmut verstand nicht, Mutter Martha aber wurde hellhörig am Abendbrotstisch.
Emil erklärete seinem Sohn, was Martha und er in der Nachbarschaft und von Kunden zu hören bekamen.
„Helmut überlegte, und langsam kam ihm, der sieben Jahre in Uniform an fast allen Fronten dabei war, zu Bewußtsein, welche Dimensionen diese Meinungen und Vermutungen annehmen konnten.
„Weißt Du, Vater,“ und er sprach langsam, als überlegte er jedes Wort, „meine Kameraden haben einmal im strengsten Winter einigen Ukrainern ein paar Filzstiefel weggenommen. Das hat unser Kompaniechef gerade noch so durchgehen lassen. Ansonsten kenne ich nur Verbrechen, die an unseren Kameraden verübt worden sind!“

Martha schluchzte auf. Martha, Emil und Helmut dachten sogleich an Karlheinz, den Ältesten, der seit seinem letzten Fronturlaub als vermisst galt.
Martha hoffte bis zu ihrem Tode im Jahre 1961 auf ein Lebenszeichen ihres Sohnes.
Emil legte seine Hand auf Marthas Arm.
Sie schwiegen im Dunkeln. Es war Stromsperre.

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