Familiengeschichte

Wolfgang Anders


A N D E R S

Die Familiensaga aus Leipzig-Neustadt

Hedwigstraße 20 im Leipziger Osten.
Leipzig-Neustadt.

Der Schneidergeselle Emil Max Anders zieht mit seiner Frau Martha, einer geborenen Winkler, in die erste gemeinsame Wohnung.
Das war vor dem ersten der großen Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts.
Der Leipziger Osten, amtlich Leipzig-Neustadt, steht ganz im Zeichen der späten Gründerjahre und der Landflucht. Die aufstrebende Industrie, die wachsende, wuchernde Stadt braucht Arbeitskräfte – die Arbeitskräfte brauchen Kleider. So zieht es denn den kleinen Schneider aus der Rochlitzer Gegend nach seinen Wanderjahren in die bekannte und berühmte und prosperierende sächsische Metropole.
Leipzig. Die Messestadt , die Mutter der Mustermessen.
Der kleine Schneider war auf der Wanderschaft von Sachsen nach Thüringen gekommen. Dort hatte er Bekanntschaft mit dem Textilarbeiterverband und der deutschen Sozialdemokratie gemacht.
So schreibt er später in seinem Lebenslauf, den wir gerne im Anhang dokumentieren.

Im Leipziger Osten wohnten viele kleine Leute – Arbeitsleute, Tagelöhner, Fuhrleute, kleine Angestellte.
Ein Verwandter aus der Grimmaer Gegend war Otto Kupfer. Der wohnte im Rabet 58.
„Kupper-Otto“ besuchte ein halbes Jahrhundert später die verwitwete Martha Anders in der Leutzscher Hellerstraße 27.
Das Rabet, der ganze Leipziger Osten war mehr oder weniger verrufen.
Proleten, Gauner und Ganoven – lauter Leute, wo man zum Eintreiben der Miete einen Revolver mitbringen mußte.
So hieß es viel später noch, als doch schon alles allen gehörte – im Sozialismus eines anderen Leipzigers aus dem Leipziger Osten.
Eines gewisser Ulbricht , Walther.
Soll am Volkmarsdorfer Markt mit dem Bauchladen gestanden,…soll sich für die Leipziger Nutten interessiert haben…so erzählte in den Sechzigern der Volkmarsdorfer Böttchermeister Johannes aus der Elisabethstraße 17. Hat er selbst gesehen, sagt er. Oder aber sein Vater, ebenfalls Böttchermeister dadorten.

Im Jahre 1910 wird der kleine Schneider aus dem sächsischen Theesdorf bei Sachsendorf bei Rochlitz in Sachsen offiziell und feierlich per Handgelöbnis Bürger der Stadt Leipzig. Seine Frau Martha – nach erfolgter Hochzeit im Jahre 1912 – somit auch.

Zu Rochlitz in dem Wald,
wo unser Knüpfel schallt,
wo Nachtigallen singen,
des Meisters Geld tut klingen,
ist nichts als lauter Lust
in unserer Steinmetzbrust.
Wo kommen Kirchen her,
und Schlösser noch viel mehr?
Feste Brücken über Flüssen,
die wir erbauen müssen.
Zu Wasser und zu Land
ist unser Handwerksstand.
Ist nun ein Bau vorbei,
dann gibts eine Schmauserei.
Gut zu Essen, viel zu Trinken,
gebratne Wurst und Schinken,
viel Bier und auch viel Wein,
da ist gut Steinmetz sein.
Und ist der Schmaus vorbei,
dann gibts eine Keilerei.
Doch wir soll’n einander nicht schlagen,
wir müssen uns vertragen.
Wir gleichen einander aus,
so ist es Steinmetzbrauch.

ROCHLITZER ZUNFTLIED DER STEINMETZEN

Handgelöbnis

Am heutigen Tage ist dem Schneider
Herrn Emil Max Anders
geboren am 7. April 1881 zu Theesdorf,

nach Leistung des nachstehenden Handgelöbnisses
das Bürgerrecht hiesiger Stadt verliehen und
darüber gegenwärtiger

S c h e i n

erteilt worden.

Leipzig, am 12. August 1910.

Der Rat der Stadt Leipzig

Dr. Dittrich

Aktenzeichen A. 879.
Vordr. Nr.

H a n d g e l ö b n i s.

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Sie geloben, daß Sie die Ihnen als Bürger obliegenden
Pflichten treu erfüllen, der Obrigkeit gehorsam sein und der
Stadt Bestes nach Kräften fördern wollen.

Emil und Martha heirateten am 14. Juli 1912, in dem Auszug des Sächsischen Staatsarchiv in Leipzig ist als Standesamt Schaddel angegeben. Gemeint hat man sicherlich die Gemeinde Großbothen oder die Amtshauptmannschaft Grimma.

Im Jahre 1913 wird der erste Sohn Heinz in Leipzig-Neustadt geboren.
In den Kriegsjahren 1914 und 1916 kommen noch zwei Söhne: Gerhard und Helmut.
Es folgte der Kohlrübenwinter – eine Liebesgabe der britischen Vettern.
Wie werden die fünf Andersens diese Zeit überstanden haben?
Die Familienüberlieferung meint, der Hunger im und nach dem ersten der Weltkriege sei am Schlimmsten gewesen…
Eine Postkarte aus dem Jahre 1920 bezieht sich noch auf die Hedwigstraße 20.
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