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Wanderschäferei

Wolfgang Anders


Vor über 250 Jahren wurden in Sachsen die ersten spanischen Feinwollschafe, sogenannte Negrettischafe, eingeführt.
Daraus entwickelte sich die Hochzucht der Merinofleischschafe und Merinolandschafe in Deutschland. Im Jahre 2015 jährt sich die Einfuhr zum 250 mal.

Der Autor dieses Projektes hat im Jahre 1973 den Aufbau einer zwischenbetrieblichen Merinofleischschafzucht im Bezirk Halle untersucht. Dort wurden unter gänzlich anderen Produktionsverhältnissen intensiv Fleisch, Wolle und Zuchttiere produziert.
Der betriebswirtschaftliche Aufwand war beträchtlich.
Arbeitskräfte, Futter, Stallungen, Weideeinrichtungen und Transportkapazitäten wurden an mehr als fünf Standorten im Bezirk Halle benötigt, um die Produktion durchzuführen.
In Abhängigkeit vom Reproduktionszyklus wurden die Lämmer und Jährlinge ständig umgesetzt, was einen beträchtlichen Aufwand, aber auch Streß für die Tiere verursachte.

Auch haben sich die Verhältnisse in der Pflanzenproduktion grundlegend verändert.
Die klassische Fruchtfolge wurde zu Gunsten von Marktprodukten aufgebrochen.
Dafür werden Herbizide und Pestizide, sowie synthetische Düngemittel verstärkt eingesetzt.

Ob unter den gegenwärtigen Produktionsverhältnissen in der modernen Landwirtschaft überhaupt eine Wanderschäferei durchführbar ist, bleibt bis zum Beweis in der Praxis eine spannende Frage.

In Sachsen erinnern wir an die Wanderschäferei der LPG Paschwitz, Kreis Eilenburg, die wir in den 70er Jahren kennengelernt haben.

Wanderschäferei

Carl Eugen, Herzog von Württemberg, ein aufgeklärter und engagierter absolutistischer Monarch, erkannte zu seiner Zeit die Besonderheiten der feinen Wolle.
Er beschloß, am Ursprungsort im spanischen Segovia mit eigenen Schäfern und eigenen Beamten „Seidenhammel aus Spanien“ anzukaufen und nach Hause zu verbringen. Schafe und Schäfer hatten somit eine Strecke von ca. 4000 Kilometer über die Pyrenäen, durch Frankreich, vielleicht auch ein Stück Schweiz, bis ins heimische Münsingen auf der schwäbischen Alb zurückzulegen. Begleitet von ein paar Hütehunden.
Reinste Wanderschäferei.
Der wertvolle Schafbestand soll leicht dezimiert, aber ansonsten wohlbehalten angekommen sein.

Gern würden wir heute dieses Experiment wiederholen.
Leider haben wir dafür keine Zeit.
Höchtswahrscheinlich würde auch keine Institution dieses Wagnis finanzieren. Auch stünde zu befürchten, daß der Feind aller Initiative, die Bürokratie das größte Hemmnis werden würde.

Dieses historisch verbürgte Beispiel zeigt aber deutlich, daß die Transhumanz zu den verschiedensten Zeiten üblich und möglich war.

Besonderheiten der Schafhutungen

Beim Abweiden von Deichen und Dämmen kommt es zur Verdichtung der Oberfläche mittels „Goldener Klauen“.
Maulwurfhaufen und Gänge von Wühlmäusen werden verdichtet oder zerstört. Dies verringert nach Aussage eines Landwirts aus der Dübener Heide die Möglichkeit des Ausspülens von Erdreich bei Hochwasser.

Schafdung weist einen höheren Gehalt an Pflanzennährstoffen auf. Besonders Stickstoff N. Der Stickstoff wird im Schafdung relativ langsam abgespaltet.
Die Schafe tragen gewissermaßen ihren Dung auf das Feld, wo der Dung ohne Verluste vom Boden, oder den Saaten langfristig aufgenommen werden kann.

Das Überhüten von Wintersaaten, die hohe Schule der Hütekunst, bewirkt das Verbeißen und Kurzhalten von
geschossenen Jungpflanzen, sowie die mechanische Bearbeitung des Bodens mittels „goldener Klauen“.
Desweiteren sollen die Jungpflanzen im Herbst kurzgehalten werden, um im Frühjahr gut bestockt sich besser entwickeln zu können.

Voraussetzung ist eine weite Überhütung der Wintersaaten, um diese nicht zu beschädigen.
Schäfer und Hütehunde müssen dieses weite Gehüt beherrschen.

Der Bestand an Schafen hat sich in Sachsen laut Internet (Siehe Merinofleischschaf!) dramatisch verringert.
Deutschlandweit ebenso – das Merinofleischschaf hat es damit in die Rote Liste der bedrohten Haustierarten geschafft.
Eine Genreserve dieser Schafrasse sollte unbedingt erhalten werden. In diesem Zusammenhang möchten wir auch an den Haustiergarten am Julius-Kühn-Institut der Martin-Luther-Universität zu Halle erinnern. Leider wurde diese traditionsreiche Einrichtung im Zuge der Dritten Hochschulreform um 1970 liquidiert.

Sowohl Merinofleischschafe, als auch Merinolandschafe, erscheinen uns historisch und züchterisch interessant
genug zu sein, um in diesem Projekt hauptsächlich untersucht zu werden (einschließlich Merinolangwollschafe).

Auch sind beide Rassen marschfähig und wetterfest.

Andere Rassen können zu diesem Projekt hinzugezogen und beim Aufbau als Veredlungsgrundlage mit genutzt werden.

Wir planen einen vorläufigen Endbestand von 1000 adulten Tieren (also ohne Nachzucht), geführt in zwei oder drei Herden.

Angekauft werden sollen vorwiegend zuchtfähige weibliche Jährlinge der hier bevorzugten Rassen.
Wie sich das zum Zeitpunkt des Ankaufs preislich darstellt, vermögen wir heute noch nicht einzuschätzen.
Zunächst reichen etwa 200 Tiere aus, um mit der Wanderung, der Transhumanz, zu beginnen.
Je nach Jahreszeit und der geplanten Ablammzeit könnte schon ein geeigneter Bock der Herde zugeteilt werden und im freien Sprung decken. Da Merinos ganzjährig aufnehmen, käme es dann zu fortlaufenden Ablammungen, was sich aber auch störend auf den Marsch auswirken könnte und zu Verlusten führen wird.

Sobald sich eine feste Route eingepegelt hat, sollte man auf eine späte Frühjahrsablammung orientieren. Die
anfallenden weiblichen Lämmer könnten schon im späten Herbst gedeckt werden, um wiederum im späten Frühjahr zu
lammen. Damit wäre der Reproduktionszyklus realisiert.
Die herbstliche Bedeckung entspricht auch der natürlichen Veranlagung der Schafe.

Die anfallenden Bocklämmer sollen später eine Hammelherde bilden und je nach Marktlage rechtzeitig verkauft werden.
Sinn & Zweck jedweder klassischen Transhumanz ist es, extensiv einen bestimmten Tierbestand zu erhalten, zu unterhalten und zu vergrößern.
Die dazu erforderlichen Futterflächen und Futtermittel werden ausschließlich auf der Wanderung gefunden und verwertet.
Stallanlagen, ja selbst Weideeinrichtungen, fehlen völlig oder teilweise, so daß keinerlei Gebäude- und
Energiekosten anfallen.
Ebenso keine Trink-, Tränk- oder Brauchwasserkosten und Abwasser. Weiterhin fallen Kosten für die Entmistung von Stallanlagen und Standflächen weg.

Den Klimaten Mitteldeutschlands entsprechend soll die Tranzhumanz regelmäßig vom Leipziger Tieflandbecken sowohl Richtung Harzer Mittelgebirge, als auch Richtung Thüringer Mittelgebirge erfolgen.
Der Hitze des Tieflandes im Sommer soll möglichst ausgewichen werden, und dem kalten schneereichen Klima der Mittelgebirge im Winter.
Je nach Lage der Dinge kann eine Überwinterung (Dezember bis Februar) der Zuchttiere in einem kooperierenden Landwirtschaftsbetrieb stattfinden, oder aber die eingespielte Wanderschäferei überwintert im Freien – auf der Wanderschaft.

Als Sonderfall soll hier die Ostsee als Touristik-Gebiet erwähnt werden.
Eine Hutung außerhalb der Urlaubssaison, eventuell Oktober bis März/April auf Obstplantagen, aber auch auf kommunalen Grünflächen. Selbst Problemflächen, etwa Dünen, auch mit Strandhafer, sind bei entsprechend geringen Besatz möglich.

Als unentbehrliche Helfer des Schäfers gehören zu jeder Herde mindestens zwei Hütehunde.
Ein Halbenhund und ein Hund, der vom Schäfer geführt wird.

In Anbetracht der völlig neuen Situation, die durch das Erscheinen des Wolfes in Sachsen und darüberhinaus gegeben ist, erscheint die Anschaffung von Herdenschutzhunden als notwendig.

Hier fehlen uns leider alle praktischen Erfahrungen.

Das Problem des Zusammenwirkens von Hütehunden und Herdenschutzhunden erachten wir gegenwärtig als ungelöst.

Schon bei Rudolf Steiner und seiner Antroposophie wird der biologisch-dynamischen Landwirtschaft große Bedeutung beigemessen.
Wir sind der Meinung, daß kaum eine Richtung in der Tierproduktion so extensiv, Ökologisch bei gleichzeitig relativ intensiver Erzeugung von Schaffleisch, Milch, Wolle und praktischen Dienstleistungen leistet, wie eine Wanderschäferei.

Daniel Albrecht Thaer entwickelte die Merinoschafzucht wegen der Wolle für die aufkommende Industrie. Gleichzeitig erforderte dies eine qualifizierte Zufütterung durch den gesteigerten Ackerbau. Justus von Liebig, Friedrich Wöhler u.a. machten sich verdient durch die mineralische und Stickstoffdüngung.
Die Schafe wurden aber langfristig vom Gut aus auf die Felder getrieben. Es entwickelte sich eine qualifizierte Beweidung der immer ertragreicheren Äcker.
Die Schäfer wurden immer besser ausgebildet und ein Schäfermeister war schon ein gesuchter Meister seines Fachs. Die Arbeit mit den Hütehunden bildete die hohe Schule der Weidetechnik.

Der Autor hat diese Arbeit schon als Tierzucht-Lehrling kennen und schätzen gelernt.

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