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Die Erleuchtung durch Cannabis sativa

Wolfgang Anders


Es gibt solche lichten Momente.
Zumindest bei mir.
Wenn auch selten.
Man schlendert so ganz in sich versunken, der eigenen Frau durch das Gewimmel folgend, über eine Messe – die Haus-Garten-Freizeit in Leipzig – und plötzlich macht es bing!
Oder so ähnlich.
Aber der Reihe nach: Meine Frau und ich besuchten wie jedes Jahr (Jedes Jahr die gleiche Prozedur!) die allseits beliebte und fleißig besuchte Verbrauchermesse Haus-Garten-Freizeit. Man hätte sich ja auch schon längst hier präsentieren sollen.
Obwohl. Mit welchem Produkt? Der Fluch der Vielseitigkeit. Stelle ich hier als Gesundheitsapostel aus oder als Medizintechniker, oder doch besser als streitbarer Kolumnist? Oder als Ökofuzzi mit landwirtschaftlichen Ambitionen, als Hobbyzüchter von Viechern, die keiner braucht?
Aber siehe da, die Erleuchtung nahte in Form eines Standes mit Hanf und Hanfprodukten. Und einem Biertresen. Na, denn Prost. Das erste Hanfbier. Was mich nicht umhaut, macht mich stark. Von Bewußtseinserweiterung keine Spur. In Trance verfalle ich auch nicht. Also, was soll`s.
Schwätzchen mit der Betreiberin, Adressenaustausch, Gedankenblitz – das könntest du auch, im eigenen Geschäft anbieten…
Später zu Hause in den altvertrauten DDR-Fachbüchern und im Internet recherchiert: Eine hornalte Pflanze aus Zentralasien, angebaut wegen der Fasern, günstig in der Fruchtfolge, ohne Pflanzenschutzmittel und Düngemittel gute Erträge, hinterläßt eine gute Bodengare, und und und…
Und warum – bitte schön – ist diese Pflanze verboten?
Weil aus Teilen dieser Pflanze winzige Mengen, Spuren einer Substanz gewonnen werden können, die man irgendwie inhalieren könnte, und die im weitesten Sinne unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würden…
Na schön. Es gibt Schlimmeres. Wenn ich dem Rat eines ehemaligen Trainers folgen würde (Jungs, wenn ihr mal Probleme habt, dann kauft euch `ne kleine Flasche Schnaps und legt euch anschließend in`s Bett und schlaft den Rausch aus…), dann hätte ich genügend bewußtseinsverändernde oder auch -erweiternte Zustände in meiner Birne – mehr, als ich gebrauchen kann.
Ich bin phantasiebegabt genug, als daß ich irgendwelche Mittelchen bräuchte. Wenn ich alles, was mir durch die Birne geht, aufschreiben wollte, so wären sämtliche Philosophenfuzzis ein Scheißdreck gegen mich. Ist doch wahr. Also, warum das Verbot von Cannabis-Produkten und Cannabis-Derivaten?
Schlagartig erleuchtete mir das Rauschmittel auch ohne es benutzt zu haben das Gehirn, zumindest einen Teil davon.
Die ganze beschissene Geschichte der letzten fünfzig oder hundert Jahre (es können auch 88 oder 99 Jahre gewesen sein) ist der Beleg dafür: Alles, was den Menschen nützt und was sie ohne jeden größeren Aufwand aus ihrem Vorgarten holen könnten, muß verteufelt werden. Und alles was industriell hergestellt wird, wo eine große Logistik dranhängt, muß den Massen schmackhaft gemacht werden. Die ganze Gesundheitspolitik – man beachte die aktuelle Diskussion – ist daraufhin ausgerichtet. Der Doktor, der nur seine Möglichkeiten der Gebührenordnung Ärzte “GOÄ” ausnutzt und sich auf maximal abrechenbare Punkte konzentriert, handelt weniger im Sinne des Patienten, sondern eher in seinem finanziellem Interesse (soweit, so gut), als auch im Interesse der Pharmaindustrie, sowie dazugehöriger Lobbyisten. Sehr lukrativ ist auch die Abrechnung eines 24-Stunden-Blutdruckmessgerätes oder anderer technischer Spielerchen. Die jahrzehntelange Falsch-Messung und die daraus folgende Falsch-Medikamentierung bei Blutdruckpatienten läßt einen Schlimmes ahnen. Eine ganze Ärzte-Kultur, ganze Generationen von abhängigen Menschen, vielfach sind es nach meiner Beobachtung Frauen, bestehen auf ihren hohen, natürlich zu hohen Blutdruck.
Nunmehr bringt die Synthese von Kriegswahn, Antiamerika-Hysterie und Saddam-Hussein-Phobie die seltsamsten Blüten. Egal, es muß im Bewußsein der Massen was hängen bleiben: Wir brauchen eine Pockenimpfung! Und 100 Millionen für die liebe, gute Pharmaindustrie, die das Zeug ja irgendwie herstellen muß und verkaufen muß.
Wie sich alles schickt und findet.
Es paßt immer wieder: Man schaue sich die Zuckerherstellende und verarbeitende Industrie an. Südzucker oder Nordzucker oder, oder, oder…
Industrieller Zucker geht nunmal schneller ins Blut, als Zucker aus Honig oder Fruchtzucker, der langsamer abgebaut wird…
Man schaue sich die Getränkeindustrie an.
Nachdem ich meiner Familie geduldig bis unwirsch erklärt habe, daß ihre hart arbeitenden Vorfahren wohl kaum so viel getrunken haben und dabei 80 Jahre alt wurden, dabei zwei Weltkriege, Hunger und Entbehrungen, sowie die Weltwirtschaftskrise überlebten, pegelt sich der Getränkeverbrauch im Haushalt wieder ein. Ein Schluck kalter Tee oder Kaffee, auch Malzkaffee, Apfelschorle oder ähnliches, alles mit weniger bis ohne Kohlensäure… und siehe da, es geht auch!
Und bis vor kurzem dachte mein liebes Töchterlein (27), sie müsse um`s Verrecken jeden Tag ein bis zwei Liter Mineralwasser trinken wie eine Kuh.
Der gesamtdeutsche Schriftsteller Erwin Strittmatter zum Beispiel liebte Birnensaft als Getränk. Gibt es sowas überhaupt noch? Oder müssen wir da erst die Kommissare aus Brüssel fragen, ob wir auch in unserer Heimat Birnen anbauen dürfen? Zum Beispiel die Birne Helene?
Beim Alkohol und der dazugehörigen Industrie – (Oder sollte man von einer Mafia sprechen?) – ist es ebenso deutlich. Noch nicht einmal Pfand müssen die auf Schnaps- und Weinflaschen erheben. Warum wohl?
Abgesehen davon, daß ich kein Verfechter der These bin, wenn auf jedem Plastebeutel und jeder Bierbüchse nur genügend Pfand erhoben wird, machen wir die Welt sauber und helfen der lieben, guten Umwelt!
Fassen wir unsere spontane Einfälle dank Cannabis zusammen: Vielerlei Dinge des täglichen Lebens, an die wir uns gewöhnt haben und die wir nicht missen möchten, brauchen wir gar nicht, kämen wir auch mit weniger aus und könnten wir – mit etwas Mühe und etwas Fleiß und im Schweiße unseres Angesichts – selbst herstellen.
Und was wir ohne Aufwand selbst anbauen könnten, zum Beispiel Hanf, dürfen wir nicht.
Und wenn einer im Garten eine Ziege – die Kuh des kleinen Mannes – zu stehen hat, so kommt die Berufsgenossenschaft und verlangt Beiträge.
Sie will ja auch leben.
Die Berufsgenossenschaft – nicht die Ziege!
Will einer Kuhbauer werden und Kühe melken, muß er sich eine Milch-Quote besorgen oder pachten oder kaufen.
Gesunde Bäume müssen massenweise gefällt werden – wegen dem Hochwasserschutz!
Putzmuntere Bären wurden im Leipziger Zoo hingerichtet – wegen der artgerechten Haltung!
Nunmehr werden im Leipziger Zoo einige kranke Löwen gepflegt.
Stimmt denn das?
Der alltägliche Wahnsinn?
Wer ist hier verrückt?
Das Volk?
Müssen wir vor uns selbst geschützt werden?
Wie war das doch gleich in der DDR, dieser Stalin- und Ulbricht- und Honecker-Diktatur (jetzt kann man sich die DDR zwischen Komödie und Tragödie in dem Film “Good bye – Lenin” ansehen): Da wurde doch jeder Straßengraben zum Futtermachen genutzt, Großvater lieferte bis in hohe Alter Karnickel und Eier und Pflaumen…
Aber da waren doch abends die Milchflaschen alle…Leider, aber am nächsten Morgen war frische Milch aus der Molkerei der nächsten Kreisstadt wieder da. Heute kommt die Milch hochstabilisiert aus Düsseldorf am Rhein, haltbar bis zum jüngsten Gericht, manchmal ist das Verfallsdatum auch schon in bedenkliche Nähe gerückt (aber für uns Ossis immer noch besser als gar keine Milch, wie bei Honeckern). Die paar Allergien, die unsere Kinder jetzt mehr haben…
Wobei wir wieder bei der Gesundheit wären und wenn es der Dümmste immer noch nicht gemerkt hat – hier schließt sich der Kreis. Siehe oben!
Die Ärzte und die Pharmaindustrie und die Berufsgenossenschaften wollen schließlich auch leben.
Und das Volk?
Für uns sind ja die Politiker zuständig. Die, wo ohne Verfassung und ohne Wahl über die Listen undsoweiter an die Macht gekommen, aber das macht ja nichts. Wir glauben denen schon lange nichts mehr – aber wir tun noch zuwenig für uns. Wir füttern die immer noch durch…
Und das ist das Schlimmste: Wir haben keinen Mut und keine Energie mehr, uns selbst zu befreien. Der Arbeitslose, der Hilfeempfänger, der 55jährige Akademiker, der nie wieder einen bezahlten Job kriegt, kann sich nicht aufraffen, irgendwas zu tun. Es geht uns noch zu gut. Glückliche Sklaven sind der Freiheit Feind, sagte M.P. aus Leipzig nach einer nicht so starken Montagsdemo.
Die Preise sind immer noch zu niedrig. Die Mißwirtschaft der Leipziger Stadtverwaltung, die kommunales Eigentum an Amerikaner verschleudert, für einen Judas-Lohn, und einen respektablen Beschäftigungsbetrieb an die Wand fährt, ist nicht im Bewußtsein der Massen.
Was muß noch passieren?
Na gut. Dann bau ich eben Hanf an…

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