Soziale Netze


11. Abhängig

Wolfgang Anders


Taxi-Toni bekam seinen Funkauftrag in Grünau.
Eine tolle Frau, schlank, mittelgroß und schöne schwarze Haare, gewellt, schulterlang kam auf ihn zu…aber ach!
Aus der Nähe die Ernüchterung.
Sie sah aus wie ausgekotzt! Ja doch – warum drumrum reden. Schwere Zunge, unklarer Ausdruck, aber sie wollte in die Stadt. Zu ihrer Bank.
Wenn wir uns richtig erinnern, war es ein Sonnabend-Nachmittag, also keine Bank geöffnet. Höchstens Schalter.
Taxi-Toni versuchte die Situation im Interesse der Frau einigermaßen vernünftig zu regeln. Es war sinnlos. „City-Bank, Augustusplatz, Automat!“
Das war alles, was er tun konnte.
Hoffentlich bekam er sein Geld.
Er parkte direkt an der City-Bank. Nicht ganz unproblematisch, aber es war Sonnabend und die Politessen saßen alle gerade zu Hause am Kaffeetisch.
Taxi-Toni begleitete die Frau an den Automaten der City-Bank. Und was holt die ehemalige Dame raus?
Er faßt es nicht. Sie hielt eine dünne Karte in der Hand, die nur die Kontodaten enthielt, aber keine EC-Karte.
Sie versuchte es immer wieder…
Taxi-Toni sprach auf sie ein: „Das wird doch nischt! Sie brauchen eene richtsche Karte!“
Es wurde wirklich nichts und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge zurückzufahren.
Die Kollegen vom Taxi-Stand an der Neuen Oper guckten schon!
Das Taxameter lief und lief.

Zu Hause in Grünau – die abgewrackte Dame saß in ihrer Wohnung und füllte für Taxi-Toni einen Scheck aus.
Taxi-Toni schaute sich um: Sehr gut eingerichtet, geschmackvoll und sauber. Im Gegensatz zur runtergekommenen Dame. „Welch ein Widerspruch,“ dachte er. „Aber Hauptsache, du bekommst dein Geld!“
Es belief sich immerhin auf rund 40,– D-Mark. Viel Geld für einen arbeitslosen Aushilfsfahrer zu dieser Zeit.

So weit, so schlecht.

Das Geld fehlte ihm vorne und hinten, aber er wollte diese Situation selbst klären und seinen Chef, den
sympathischen fußballspielenden J. B. nicht damit behelligen.

Und die Pointe von der Geschichte?

Er bekam am folgenden Montag von eben jener City-Bank sein Geld. Der Scheck wurde ihm ohne Probleme ausbezahlt.
Und wer kam zur Tür in den Schalterraum geschneit???

Die von weitem attraktive Dame, seine Kundin vom Sonnabend.
Genauso abgewackt, wie vor zwei Tagen.
Sie stand neben ihm, er drehte sich zur Seite, sie bemerkte ihn nicht.
Natürlich wollte sie von ihrem Konto Geld abheben.
Taxi-Toni stand wie auf Kohlen…
Endlich bekam er sein Geld.
Und seine Kundin bekam – keins!
Sie hatte wiederum weder EC-Karte, noch einen Ausweis dabei.
Und verstand nicht fürn Fünfer, was die Bankangestellte von ihr wollte.
Taxi-Toni verdrückte sich mit seinem Geld in Richtung Taxi und beobachtete von weitem, wie sich die Dame, ziemlich hilf- und ratlos langsam in die Innenstadt verzog.

Und die Moral von der Geschicht:
Versaufe Deinen Verstand Du nicht!

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