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Sagen der sächsischen Heimat: Der Wilde Mann

Wolfgang Anders


Es war einmal ein alter Leutzscher, der wohnte dereinst in Gohlis, einem besseren Leipziger Stadtteil. Dort verdiente er seinen Lebensunterhalt als Landwirtschaftslehrer. Mit Töchterchen Sandra radelte er gelegentlich über den Heuweg in seine alte Heimat Leutzsch. Dabei besuchten sie den „Wilden Mann“, den jeder Leutzscher, aber auch die anderen Leipziger aus dem wilden Leipziger Westen, bestens kennen.
Der Wilde Mann war ein winziges, aber uriges Ausflugslokal am Heuweg, direkt neben der Bahnlinie, die zum Leutzscher Bahnhof führt. Von den Leutzscher Vierackerwiesen mit dem Reiterhof Lukas und der „Leutzscher Aue“ führt ein breiter Waldweg in Richtung Auensee. Dieser Weg war Bestandteil des Sonntagnachmittag-Pflichtprogramms für die Leipziger Westler. Der alte Lehrer mußte diesen Weg als Kind gehen, im Trachtenjäckchen, mit Lederhose und weißen Kniestrümpfen. Süß!
Das war nach 1950.
Dem Weg folgend stieß man im rechten (oder linken) Winkel auf die Bahnlinie.
Damals aber existierte (genau wie am Marienweg in Möckern) hier ein beschränkter oder beschrankter Bahnübergang mit Bahnwärterhäuschen. Dahinter aber wartete die erste Rast mit Limonade oder roter Faßbrause und Spielplatz.
Den Spielplatz gibt es heute noch…
In den späten 70ern aber standen nur noch die Reste dieses Restaurants.
Die beiden Gohliser Radler besuchten den dahinterliegenden Garten mit einer alten Frau.
Frau Löser.
Diese schenkte Sandra einige seltene Pflanzen und Blumen aus ihrem Garten und erzählte dem heute schon sehr alten Schulmeister die Geschichte vom Wilden Mann.

In den 30ern betrieb ein Mann dieses kleine Holzhaus als kleines Ausflugslokal. Er hatte stets einen Hund, einen Dobermann, im Hause. Die Zeiten waren reichlich bewegt, um nicht zu sagen unsicher…
Zahlreiche Arbeitslose, Landstreicher und Kriminelle zogen durch die Gegend. Nach der Weltwirtschaftskrise und der Inflation in Deutschland gab es genügend entwurzelte und gestrauchelte Gestalten.
Irgendwann kam es dann auch zu einem Überfall auf Wirt und Lokal.
Tragischerweise hatte der Wirt seinen Hund eingesperrt, so daß der Dobermann seinem Herrn nicht zu Hilfe eilen konnte. Das Unglück nahm seinen Lauf und der Wirt wurde ermordet und ausgeraubt.

In den 50ern wurde das kleine Holzhaus von der Familie Löser bewirtschaftet. In den 70ern von einem etwas wunderlichen Typen mit bunter Mütze auf dem Kopfe und Messer am Gürtel.
Einige Reitersleute vom Reiterhof Lukas, der alte Lukas, Werner selbst, der Autor dieser Zeilen auch, besuchten ab und an diese Gastlichkeit, um das eine oder auch das andere Bier zu trinken…
Bis zum Stall zurück war es weit genug, um wieder fast auszunüchtern.

Der Garten ist völlig verwildert, vom Hause ist nichts mehr zu sehen, weder Weg noch Steg sind zu erkennen. Der Weg führt heute durch die neugemachte Unterführung in Richtung Leutzscher Bahnhof. Der Spielplatz ist sehr schön.

Der Sage nach sollen sich zu bestimmten Zeiten die Geister des ermordeten Wirtes und seiner Mörder im wilden Garten treffen und streiten, wer denn nun schuldig gewesen sei. Der Wirt war wohl auch nicht ganz unschuldig an seinem Schicksal. Hätte er sonst bei der Auseinandersetzung mit den Strauchdieben seinen Hund weggesperrt?

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