Soziale Netze


Bauernball im Haus Auensee: Der Kammerbulle

Wolfgang Anders


Olive II, genannt Puppe, aus der Olympia, sächs.-Thüringische Warmblutstute, Vater war Cabinett, sächs.-thüringisches Schweres Warmblut.

Im Jahre des Herrn eintausendneunhundertundneunundsechzig – soundsoviel Jahre vor und nach irgendeinem wichtigem Ereignis (der werte Leser möge hier seine historischen Kenntnisse überprüfen), ließ sich zu Leipzig ein heimkehrender Soldat in die langen Listen der alma mater lipsiensis* einschreiben.

* Für den werten Leser, der des Lateinischen nicht mächtig ist, diese Fußnote: Allnährende Leipziger Mutter, also die Studentenwirtin.

Dieser junge Mann hieß Wolfram Aberhold, war 22 Lenze jung und war als 19-jähriger Baccalaureat mit fast guten Referenzen von der Leipzger Helmholtz`schen Oberschule abgegangen.
Die folgenden drei Jahre beim VEB „Gleichschritt“ hatte er ohne größere Ereignisse (über die kleineren wird noch zu berichten sein) bewältigt.
Wegen Tapferkeit vor dem Feind (in Ermangelung eines existenten Feindes hatte man sich auf die theoretische Beschwörung eines solchen verlegt) wurde er sogar sechs Wochen vor der der Zeit, also vorzeitig, zum Stabsgefreiten befördert.
Vater war auch mal Stabsgefreiter, tröstete er sich, der er eine militärische Laufbahn schon mal vor sich gesehen hatte, und als solcher das Rückgrad der deutsche Armee…aber das ist eine andere Geschichte.
Als einigermaßen, also mäßig intelligenter Abiturient hatte es unser Wolfram Aberhold, trotz ständiger Querelen diverser bildungsfeindlicher Hauptfeldwebel, schließlich nach kaum zweieinhalb Dienstjahren schon zur Unteroffizierslitze gebracht.
Zunächst aber beschreiben wir teilweise und immer der militärischen Geheimhaltung folgend den Ablauf seiner regulären Entlassung respective seiner Versetzung in die Reserve der Nationalen Volksarmee:
Unser Kamerad Schnürschuh stand eines Tages im September 1969 vor seinem weit geöffneten Spind, die zum „Seesack“ geknüpfte Zeltplane in der Hand und schaute einigermaßen ratlos auf seinen Haufen von Uniformen, Unterhosen und sonstigen halbmilitärischen Utensilien.
Geraume Zeit später war der Schrank fast leer, der Seesack proppevoll, unser Kamerad im Trainingsanzug, der aber fast zwei Nummern zu klein war.
Und das kam so:
Als guter Soldat pflegte und hegte Aberhold natürlich seine ihm anvertraute volkseigene Bekleidung und Ausrüstung, so auch seine Sportsachen. Kurzum – er hatte die Sportsachen schon so lange nicht mehr benutzt, daß es ihm völlig entgangen war, wie und ob der Trainingsanzug noch paßte. Möglicherweise hatte er aber auch seinen Körper so gut gepflegt, daß er – obschon noch jung an Jahren – sich kräftig entwickelte…

Schwankend, an der Kasernenwand nach Halt suchend, taumelte er unter der Last seiner in den Seesack gestopften Ausrüstung, den Stahlhelm obenauf, in Richtung BA-Kammer.*

* Für ungediente Reservisten auch noch diese Schweißfußnote: Bekleidungs- und Ausrüstungskammer, wird verwaltet von einem „Kammerbullen“. Dieser hat nichts zu tun mit dem schwarz gescheckten Deckhengst oder anderen später behandelten landwirtschaftlichen Szenen.

Der Kammerbulle „Olle Eisengrau“, so nannte ihn unser Kamerad im Stillen, zählte die Socken (auch die mit den Löchern) peinlich genau, um sie dann auf einen großen Haufen unansehnlicher Textilien werfen zu lassen.

Bauernball

Einladung zum 1. Sektionsball
der Sektion Tierproduktion/Veterinärmedizin
am 23.Juni 1972 – Beginn 19 Uhr

im Haus Auensee

Straßenbahn Linien 11, 28, 29

Die FDJ-Leitung

Das Praktikum

Die Praxis – sie lebe hoch.
So hoch, daß sie keiner mehr erreichen kann.
Die Dozenten vergaßen sich und die Praxis und schwärmten von Landwirtschaftsbetrieben aus dem Jahre 3000 nach Christus, sie kannten nur noch weiße Kittel und Schaltknöpfe und kybernetische Regelkreise, Tierproduktionsanlagen ungeahnten Ausmaßes…die Gülle kann man gleich in stillgelegte Tagebaue leiten (Prost Mahlzeit), die Viehpfleger sollen sich zweimal täglich oben und unten, vorne und hinten desinfizieren, um tausende von Kühen in einer spezifisch pathogenfreien Zone zu melken.
Riesige Futtermengen brauchten nicht mehr angebaut und geerntet zu werden – sie wurden über Kooperationsbeziehungen realisiert!!!

Die Kultur

Leipzigs Kultstätten, seine Kulturhäuser, wie nicht nur zum Beispiel der „Schwarze Jäger“, sind weltberühmt. Deshalb werden auch verschiedene Häuser und Denkmäler abgerissen, um sie woanders wieder aufzubauen.
Einige dieser Stätten und ihre Bedeutung dem Vergessen zu entreißen, sollte Aufgabe und hehres Ziel jedes ernsthaften Schriftstellers sein.
Aber bitte erst, wenn von oben (von ganz oben) dazu grünes Licht kommt.
Unter dem Stichwort „Traditionsverbundenheit“ und erst, wenn das jeweilige Thema klassenmäßig aufgearbeitet wurde.
Der Mendebrunnen lag jahrelang hinter dem Dimitroff-Museum, das eigentlich Reichsgericht hieß, das Leibnizdenkmal steht hinter dem Hörsaalgebäude, das aussieht, wie eine Großmarkthalle, das Schinkeltor haben sie irgendwo dazwischengequetscht und Daniel Albrecht Thaer steht hinter der Sektion Tierproduktion-Veterinärmedizin…

Einer unserer Kommilitonen der elitären Seminargruppe 2 des Immatrikulationsjahrganges 1969 der Fachrichtung „Ökonomie und Technologie der Tierproduktion“, unser Freund Enno Schulz, fühlte sich so recht als Mime. Am Lindenauer Markt, im jetzigen Brettl`, habe ich ihn einst in einer tragenden Rolle bewundert.
Das muß 1971, einen Tag vor der militärischen Ausbildung in Seelingstädt, gewesen sein.
Ich sehe ihn noch wie gestern:
Enno Schulz im stilisierten Lendenschurz oder Bärenfell, jedenfalls als urwüchsiger Germane, so eine Art Urmensch, schleppte betrübt eine Riesenkeule auf die Bühne und deklamierte tieftraurig, aber gefasst:
„Ich habe ihn erschlagen!“

Irgendeinen Römer oder so…

Mein Praktikum

Kirchsteitz/Hollsteitz 1972/73

Die Praxis, sie lebe hoch!
So hoch, daß sie keiner mehr anfassen kann.

Aber, wir Landwirtschaftseleven in der Deutschen Demokratischen DDR sollten uns im Arbeiter- und Bauernstaat ganz zielgerichtet und ganz verantwortungsvoll mit der landwirtschaftlichen Betriebspraxis vertraut machen.
Wobei manche auch von einem Bauern- und Arbeiterstaat sprachen.
Den Bauern solle doch die führende Rolle zukommen, meinten einige. Nicht wenige.
Nun, nicht unbedingt die Demokratischen Bauernpartei mit Ernst Goldenbaum an der Spitze.
Auch nicht solche Scharfmacher wie Edwin Hörnle, der abgebrochene katholische Seminarist aus Westdeutschland.
Auch später nicht mit dem grünen Genossen Maleuda.
Aber sonst?

Einige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, kurz LPG, hatten sich tatsächlich dermaßen gut entwickelt und ihre Vorstände und Vorsitzenden auch – so daß echte Führungsansprüche diskutiert wurden.

In Leipzig-Holzhausen gab es eine LPG mit einem charismatischen Vorsitzenden.
Der reiste durchs Land und kaufte Kamele für den eigenen Betriebskindergarten.
Man gönnt sich ja sonst nichts!
Sowas hat man damals erzählt.
Stimmt denn das?

Ein anderer Vorsitzender im Norden verdoppelte eben mal seine 2000er Milchviehanlage – um den Pförtner besser auszulasten, wie zu hören war!

Das alles wollten wir auch!
Wenigstens mal gucken.
Schließlich hatten wir Betriebswirtschaft bei einem der Alten und Großen der Agrarökonomie.
Professor Otto Rosenkranz, der jahrelang für die Akademie der Landwirtschaftswissenschaften in Leipzig-Gundorf gesessen hatte, und nun seine letzten Jahre an der Karl.Marx-Universität Leipzig lehrte, beschwor uns, jede Maßnahme dreimal durchzurechnen, bevor sie durchgeführt werden sollte.
Von ihm stammte der richtungsweisende Satz: „Von Schulden ist noch keiner arm geworden!“
Was wohl richtig ist.
Besonders heute.

Georg Triftshäuser

Ja, das waren noch Dozenten.
So brauchten wir sie – nach der Dritten Hochschulreform.
In der Deutschen Demokratischen DDR, wohlgemerkt.

Georg Triftshäuser war eine ganz besondere Nummer.
Er dozierte vor dem gesamten Studienjahr im Fache „Sozialistisches Recht“!

Was aber bitte scheen, war „Sozialistisches Recht“?

Bitte, jetzt und hier keine Propaganda.
Bitte auch keine Agitation.
Es war eben so – und so schlecht, daß man sagen könnte, es sei ganz schlecht war es auch nicht!
Aber so gut, daß man sagen sollte, es war ganz gut war es auch wieder nicht!

Und – jawohl! Nicht alles war gut in der Deutschen Demokratischen DDR!!!

Triftshäuser zum Beispiel.
Er brachte einzigartige, einmalige, ja singuläre Sätze, wie: „Die Ziege war schuld am Malta-Fieber!“

Also, direkt falsch war das ja nicht!
Oder ?

Ich glaube, die Ziege war auch Schuld am ersten Weltkrieg, aber da verläßt mich mein ansonsten perfektes Chronisten-Gedächtnis.

Triftshäuser (Welch schöner sächsischer Name!) betreute mich im Praktikum.
Es klappte auch gar nichts.
Für meine wissenschaftlich-produktive Tätigkeit hatte ich mir die Schafzucht ausgesucht.
Pferdezucht war nicht, Rinderzucht auch nicht – alles andere interessierte mich nicht.

Nun war die Zeit gekommen, sich auch ein Thema für eine Diplomarbeit zu suchen.
Als besonders intelligenter, weil fauler, Student hatte ich darauf noch keinen Gedanken verschwendet.
Irgendwie bekam ich doch noch ein Thema von Dr. Horst Göhler.
Die Fachgruppe Schafzucht saß mit in Oberholz, dem Lehr- und Versuchsgut der Karl-Marx-Universität Leipzig.
Ja, der Karl Marx – das war schon einer.
Der hatte sogar eine Universität in Leipzig.
Und eine Stadt im südlichen Sachsen soll er auch noch gehabt haben.
Die Stadt mit den drei O!
Korl-Morx-Stodt.

Mein Thema lautete: Aufbau und züchterische Bedeutung der Merinofleischschafzucht im Bezirk Halle.
Auftraggeber war der VEB Tierzucht Halle, ein gewisser Dr….na, wie hieß der doch gleich…
John???
Herr Triftshäuser aber vermittelte mich in eine LPG bei Zeitz – ohne Schafzucht.
Schade.
Dafür aber konnte ich mein Pferd mit Fohlen mitnehmen.
Nicht schlecht.

Und von der Frau Walburga Z. Aus der Fachgruppe Schafzucht kaufte ich eine Sport-Awo, um auch meinen Praktikumsbetrieb erreichen zu können.
Herrschaftszeiten.

Die LPG befand sich in Kirchsteitz, ich schlief im Nachbarort Hollsteitz.
Hübsche Mädchen gab es auch.
Und viel zu tun.

Ich übte spontan Geburtshilfe bei Färsen.
Ich trank Alkohol mäßig bis unmäßig.
Ich liebte die Frauen – ganz selten.
Gerademal die Hannelore, die war Schwesternschülerin.
Also nicht meine Schwester, aber immerhin.
Mit Schwestern hatte ich gelegentlich zu tun.

Die jungen Männer, die Jungmänner dieser germanischen Landgemeinde, nahmen mich freundlich auf in ihrer Runde.
Einige heidnische Rituale machten mich älter und reifer.
Ich kam mir schon vor wie der römische Jüngling, der in die Germanenrunde tritt.
Die Met saufenden und um ihre Weiber würfelnden Germanen auf ihren Bärenfellen hießen mich willkommen und ich entrichtete den römischen Gruß – oder so!

Erinnerungen verschwimmen … war das nicht die Kriegerrunde in Seelingstädt, ein, zwei Jahre früher?

Ein seltsames Ritual war das Scheren meines Bartes.

Übrigens – in dieser bewegten Zeit wurde auch der TV-Club gegründet!

6 Kommentare

  • Stefan Rasch sagt:

    Gottlob! Du hattest es gut, mäßig trinkend, in die Pratikumslandgemeindejungmannrunde wohlwollend aufgenommen zu werden und das Landleben gemeinsam zu genießen. Bewährter Weise gleichlaufend gestaltete sich mein Praktikumsleben im Feldienst erdölsuchend und bohrend und mit der Landjugend feiernd. Nur erlebnistechnisch lernte ich nach nächtlichen Sternezeigen, bei erneuter Einkehr in den Dorfkrug, kurzfristig durch dörfliche Kinnbehandlung bewegte Sternbilder sehen.

  • Stefan Rasch sagt:

    – aus der Uhlandschule, wenn ich Dich richtig eingeordnet habe – hab Dir doch anno 2014 “ Bronzevogel“ vermacht;
    ansonsten bei Verwechslung -sorry

    • Wolfgang Anders sagt:

      Genau, sehen wir uns zum diesjährigen Klassentreffen?
      Ich freue mich.
      Wolfgang
      Zum Klassentreffen habe ich einen bescheidenen Text in der Feder!

  • Stefan Rasch sagt:

    Bin ja gespannt auf Deine spitze Feder. Finde ja das breite Spektrum Deiner Veröffentlichungen toll.
    Vor allem wie du Deinen Weg vom Student über Berufsschullehrer und Betriebsdirektor zum Autor inhaltlich vertrittst.
    Gruß Stefan

    • Wolfgang Anders sagt:

      War alles nicht so schlimm – habe immer nur auf meine Frau gehört!!!
      Bis zum Klassentreffen!
      Herzliche Grüße
      Wolfgang

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