Soziale Netze


Lewitzer – eine Kleinpferderasse in der DDR

Wolfgang Anders


L e w i t z e r

Eine Kleinpferderasse
in der DDR

von
Wolfgang Anders

Die Landgemeinde
ISSN 1617-1918
Herausgeber
Dr. Dr. Günther Gereke – Pressel +
Dipl.agr.ing. Wolfgang Anders

Leipzig

In einem alten DDR-Fachbuch über bäuerliche Pferdehaltung fand ich den Hinweis auf ein Kleinpferdezuchtbuch.
Das suche ich heute noch.
Wer`s weiß oder gar hat, der möge sich doch bitte bei mir melden.
Ich zahle – unter Pferdefreunden – mindestens ein Bier und `nen Korn.
Wenn das nicht reicht – noch mal von vorn.

Dafür habe ich in meinem gepflegten Archiv den Brief des Direktors vom Volkseigenen Gut Lewitz, Herrn Scharfenorth, der mir freundlich Bescheid gibt über seine Kleinpferderasse, den Lewitzer.

Das will ich hier gern dokumentieren.

Das ist mein bescheidener Beitrag zur Weltgeschichte.

Also – es war einmal…

* * *

PFERD UND SPORT
MITTEILUNGSBLATT DES DEUTSCHEN PFERDESPORT-VERBANDES DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK

Juli 1975
Heft Nr.7
18. Jahrgang

3. Umschlagseite: Pferd und Sport in der Lewitz

Am Rande der Lewitz, dem größten Naturschutzgebiet des Nordens unserer Republik, befindet sich das VEG Lewitz.
Am 25. Mai hatte die Sektion Pferdesport zur dritten Pferdeleistungsschau eingeladen. Gut 2500 Gäste waren gekommen.
Nach der Eröffnungsparade, angeführt vom Fanfarenzug des Kinderheimes Neustadt-Glewe, starteten Springreiter in den Klassen A und L. Insgesamt waren vier Sektionen am Start. Außer Lewitz noch Spornitz, Sukow und Rastow. Daneben noch zwei Voltigiergruppen aus Rastow und vom VEG Lewitz.
Neben den sportlichen Darbietungen im Springen und Voltigieren gab es noch eine Reihe weiterer Vorführungen, ganz nach dem Geschmack der Gäste. So führten eine Reihe von Sulkys, die im VEG Lewitz entwickelt und gebaut und von Pony-Schecken gezogen wurden, eine Quadrille vor, die sich von der Einstudierung und der Exaktheit her sehen lassen konnte. Auch eine Troika von drei Pony-Schecken gezogen, fand den ungeteilten Beifall des Publikums.
Eine „Ungarische Post“, geritten von Hans Fuchs, zeugte vom Trainingsfleiß der Mitglieder. Daß auch Pony-Schecken springen können und sogar Hindernisse der Klasse A, davon konnte man sich gleichfalls überzeugen.
Auch Zuchtstuten mit ihrem Nachwuchs wurden vorgeführt.
Für die Freunde der Kutschen waren drei Gespanne vorhanden.

Beim Anblick einer Troika, gefahren vom Sportfreund Graf, muß auch der Unbeteiligte mitgerissen werden. Daneben wurden noch zwei Vierer- und ein Sechserzug vorgestellt.
Initiator der Veranstaltung war die Grundorganisation der FDJ.

* * *

VOLKSEIGENES GUT LEWITZ
NEUSTADT-GLEWE
STAATLICH ANERKANNTER BETRIEB MIT
VORBILDLICHER GRÜNLANDWIRTSCHAFT

Herrn
W.Anders

Leipzig

Ihre Nachricht vom 7.8.75
Unsere Nachricht vom 1.9.75
Unser Zeichen Wa./Schu.

2808 Neustadt-Glewe

Werter Herr Anders !

Wir werden versuchen, Ihnen einen Überblick über unseren Kleinpferdebestand zu geben, allerdings können wir Ihnen über gewisse organisatorische und züchterische Maßnahmen zur Zeit kaum Auskunft geben. Diese Probleme werden an übergeordneter Stelle beraten.
Vielleicht erst einmal etwas zu unserem Bestand.
Wir haben 8 Mutterstuten (6 Schwarz-Weiß-Schecken und 2 Braun-Weiß-Schecken), 2 Hengste (Schwarz-Weiß-Schecken) und ca. 10 Fohlen bzw. Jährlinge und Zweijährige.
Die durchschnittliche Größe der Tiere liegt um 1,28 m.
Es hat sich herausgestellt, daß diese Größe und diese Art der Tiere die idealen Reit- und Wagenpferde für Kinder sind.
Wir haben bereits 3 Pferdeleistungsschauen mit diesen Kleinpferden veranstaltet.
Sie eignen sich für solche zum Teil zircensischen Darbietungen, wie ungarische Post und dergleichen, ausgezeichnet.
Unter anderem stellten wir in diesem Jahr einen Sechserzug vor, im kommenden Jahr wird es ein Achterzug sein.
Die Hengste gehen als Hinterpferd im Sechserzug, beweist dieses nicht wieder, welch guten Charakter diese Tiere haben.

Das dieser beschrittene Weg richtig ist, beweisen die Zuschauerzahlen der drei Turniere.
1973 waren es 200, 1974 schon 600 und 1975 bereits 3.500 Zuschauer.
Abschließend noch ein Wort zur Fruchtbarkeit. Allgemein wird gesagt, Ponys und Kleinpferde sind schwer trächtig zu bekommen.
Wir hatten im letzten Jahr ein 100 % iges Trächtigkeitsergebnis.
Die Untersuchungen in diesem Jahr deuten auf ein ähnliches Ergebnis. Alles in allem halten wir diese Kleinpferderasse als sehr geeignet für den Kinderpferdesport.
Sicherlich erkennen Sie aus den Beschreibungen unser Ziel mit diesen Kleinpferden.
Wenn Sie Interesse haben, laden wir Sie hiermit zu unserem Turnier im Mai 1976 ein. Den genauen Termin erfragen Sie bitte Anfang 1976 bei uns.

Wir hoffen, daß wir Ihnen einen kleinen Überblick geben konnten.

(Scharfenorth)
Direktor

Na, da hatte sich der olle Scharfenorth aber viel vorgenommen.
Meine Uni-Dozenten Schwark und Neisser jedoch haben die Lewitzer in ihrem hübschen Buch „Hufe im Sand“ im selben Jahre 1975 noch nicht erwähnt.
Ein Brief der Zentralstelle aus dem Jahre 1973 läßt ahnen warum:

ZENTRALSTELLE
Für Pferdezucht
beim Ministerium für Land-, Forst-
und Nahrungsgüterwirtschaft der DDR

Abt. Zucht und Leistungsprüfungen

1162 Berlin-Friedrichshagen, den 3.8.1973
Josef-Nawrocki-Strasse 10
/04 Hei/Ri

Herrn
W.Anders

Leipzig

Werter Herr Anders !

In Beantwortung Ihres Schreibens vom 4.7.1973 möchten wir Ihnen folgendes mitteilen.
In der DDR werden entsprechend den im Zuchtprogramm und in den Standards „Pferdezucht, Zuchtziele TGL 26900“ und „Pferdezucht, Anerkennung von Zuchtbetrieben und Zuchttieren, TGL 20848“ als Kleinpferde nur die Haflinger und als Kleinstpferde nur die Shetlandponys züchterisch bearbeitet.
Das vorhandene weibliche Zuchtmaterial der Kleinpferde wird über Verdrängungskreuzungen mit diesen Rassen genutzt.

Es besteht auch volkswirtschaftlich keine Notwendigkeit, eine weitere Rasse Kleinpferde zu reproduzieren.
Unterlagen über die Kleinpferdezucht, die Sie in Ihrem Schreiben ansprechen, besitzen wir leider nicht.

Sollten Sie sich im Rahmen Ihrer Ausbildung für spezielle Fragen der Pferdezucht interessieren und Student der KMU Leipzig sein, empfehlen wir Ihnen, sich an Herrn Prof.Dr.Schwark, Sektion Tierproduktion und Vet.-med. Der KMU, Böhlitz-Ehrenberg zu wenden.

Mit sozialistischem Gruß

Scheide
Abteilungsleiter

Nun, der sozialistische Gruß nützte mir herzlich wenig.
Ob von dieser hohen Stelle aus die volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten tatsächlich richtig beurteilt wurden, sei dahingestellt.
Mancher Trend wurde in der DDR verschlafen – am Ende sogar der eigene Untergang.

* * *

Pferd und Sport
Mitteilungsblatt des Deutschen Pferdesport-Verbandes der Deutschen Demokratischen Republik

Heft 1 / 2 1981
24. Jahrgang
Lewitz-Schecke erfreut sich großer Beliebtheit

Die sich ständig verbessernden Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen, deren Bedürfnis nach sinnvoller Freizeitgestaltung, besonders nach aktiver sportlicher Betätigung führten auch im VEG (Z) Färsenproduktion Lewitz zu einer Zunahme der am Pferdesport interessierten Bürger. Das zeigt sich an den ständig steigenden Besucherzahlen zu pferdesportlichen Veranstaltungen, der enormen Nachfrage nach Kutschfahrten und Möglichkeiten des Reitens.
Das VEG (Z) Färsenproduktion Lewitz, staatlich anerkannter Pferdezuchtbetrieb, hat sich neben der Warmblutzucht der Zucht eines Kleinpferdes verschrieben, welches als Besonderheit die Schwarz-weiß- bzw. Braun-weiß-Scheckung aufweist. Die bedarfsorientierte Züchtung, gemäß dem Zuchtziel für Kleinpferde, besteht für das VEG (Z) Färsenproduktion Lewitz darin, ein Vielzweckpferd in Ergänzung der Warmblutpopulation zu züchten, welches sich durch hohe Leistungsbereitschaft, anspruchslose Haltung und Fütterung, gutartige Charaktereigenschaften sowie schwungvolle, raumgreifende Bewegungen im Schritt und Trab auszeichnet.
Von den zur Zeit in der Zucht befindlichen neun Kleinpferdstuten konnte die Kleinpferdestute Resi zur Fohlenschau ein in der Pferdezucht wohl kaum erreichtes Ergebnis aufweisen:
Am 17.6.1980 wurde Resis 5. Hengstanwärter aus gleicher Verpaarung mit dem Hengst Salto gefesselt. Drei ihrer Söhne sind bereits gekört und in den Bezirken Magdeburg, Neubrandenburg und Schwerin im Einsatz. Die zwei jüngsten Söhne befinden sich noch in der Aufzucht. Ihr erstes Fohlen, die jetzige Stute Sektperle brachte in ihren fünf Zuchtjahren bereits fünf Fohlen zur Welt.
Aber nicht nur die züchterischen Leistungen sprechen für diese Pferde. Aus der Kinder- und Jugendarbeit sind diese Tiere nicht mehr wegzudenken. Zu den zahlreichen Auftritten zu Veranstaltungen stellen Kinder und Jugendliche die vielseitige Verwendbarkeit, sei es bei der Ungarischen Post, Pyramide, dem Indianerreiten, der Sulky-Quadrille oder den Mehrspännern, unter Beweis. Noch höher muß man die Leistungen einschätzen, wenn man sich vor Augen führt, daß sie diese unter der Belastung der Aufzucht eines Fohlens, einer bereits neuen Trächtigkeit und der Nutzung als Serumlieferant erbringen.
K.Urum-Beglikow

Summa summarum:

Über alle gesellschaftlichen Veränderungen hinweg hat sich eine neue Kleinpferderasse herausgebildet, die heute in den jeweiligen Zuchtverbänden anerkannt ist – selbst bei den Scheckenzüchtern.
Ein schönes Beispiel für für Fleiß und Beharrlichkeit der Bevölkerung in der Lewitz.
Mein nächstes Pferd ist ein Lewitzer.
Meine Enkelkinder erwarten das von mir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.